Klassisch-romantische Kammermusik

Dresdner Philharmonie auf Schloß Albrechtsberg

Am Mittwoch holte die Dresdner Philharmoniker im Rahmen eines Kammerabends gleich drei Werke aus dem »Schatten«, denn so wie Michael Haydn auf den Konzertpodien oft gegenüber seinem älteren Bruder das Nachsehen hat, sind Ralph Vaughan Williams und Felix Mendelssohn Bartholdy gerade nicht für jene Werke berühmt, die hier zur Aufführung kamen.

Michael Haydn, dem Musikkenner häufig noch mehr Erfindungsreichtum und Genie zugestehen als seinem Bruder Joseph (welcher aber in »geordneteren« Verhältnissen lebte, zielgerichteter und diplomatischer agierte), überrascht den Musikliebhaber in seinen Stücken immer wieder durch Einfälle oder Instrumentenkombinationen. Auch sein Trio C-Dur für Original Violine, Violoncello und Violone (zum Kammerabend in der üblichen Streichtriobesetzung gespielt) zählt ganz sicher dazu. Über weite Strecken ist es ein Duo der hohen und mittleren Stimme, das vom Baß summend bis grummelig begleitet wird. Annegret Teichmann (Violine), Beate Müller (Viola) und Thomas Bäz (Violoncello) beschworen einen lieblich Gesang, der an eine Serenade am offenen Fenster erinnerte, elegant und golden wie fließender Honig.

Nach dieser akustischen Beschaulichkeit gab es eine Zeitsprung, der gefühlt noch größer war als nach den Jahren des Kalenders. Denn Ralph Vaughan Williams war ein Nachschöpfer der Romantik, der im zwanzigsten Jahrhundert opulenten Klang und volkstümliche Anleihen pflegte. Sein Klavierquintett c-Moll ließ auf Haydns grazilen Charme süffige Neomantik folgen. Rieko Yoshizumi hatte schon hier Gelegenheit, den Flügel über den Streicherklang singen zu lassen. Auf den fülligen Ensembleklang läßt Vaughan Williams aber auch liebliches Schwelgen folgen und das Klavier den zweiten Satz solistisch beginnen. Virtuoses Perlen und Zurschaustellung gehörte dazu – mit vibrierender Lebhaftigkeit ließen es die Philharmoniker und Rieko Yoshizumi erklingen…

…um am Ende noch einmal umzuschwenken, ein Stück zurück, zum (sehr) jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Klaviersextett in der ungewöhnlichen Besetzung mit zwei Violen (erweitert um Joanna Szumiel, dazu Bringfried Seifert am Kontrabaß wie schon bei Vaughan Williams) legt in der Tat noch Brüche im Charakter, der Anlage und letztlich auch der Qualität der Komposition offen. Hörenswert ist es allemal. So enthalten die Ecksätze vieles, was man in Mendelssohns Klavierkonzerten wiederfinden kann, und der letzte Satz ginge auch einzeln als »Allegro brillante« durch. Geradezu frappierend aber war der dritte (Menuetto. Allegro – Trio), der erst eine wahrhafte Erlkönigstimmung heraufbeschwor und an Goethes »Fischer« denken ließ. Im letzten Satz greift der fünfzehnjährige Mendelssohn dieses Thema noch einmal auf.

Neben technischer Brillanz begeisterten die Philharmonie-Musiker vor allem mit emotionaler Tiefe und Tönung in sommerlich satten Farben. Das Konzert wird am Sonntag 19:00 Uhr noch einmal wiederholt.

2. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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