Schumann und Beethoven neu hören

Jan Vogler, Ivor Bolton und das Festspielorchester Im Abschlußkonzert der Dresdner Musikfestspiele

Es ist ein Vorteil, daß wir manches, was früher anders gewesen ist, heute wieder auferstehen lassen können, nachempfinden. So hat die »historisch informierte Aufführungspraxis« längst aus der Nische der Spezialisten herausgefunden und schlägt sich im Musizieren der großen Sinfonieorchester nieder. Auch da, wo bisher die elegante Homogenität als Maßstab galt, kann man mittlerweile vergleichen – manche der Besucher vom Sonntagvormittag werden im Nachgang des Konzertes noch einmal die älteren Schumann-Aufnahmen mit dem Gewandhausorchester (Masur) oder der Staatskapelle (Sinopoli) hervorgeholt und angehört haben.

Beim Festspielorchester unter der Leitung von Ivor Bolton ist nicht Homogenität, sondern Farbe der Maßstab, im musikalischen Sinn. Daß dazu nicht nur Darmsaiten gehören, konnten sich Besucher schon am Sonnabend zum »Werkstattkonzert« im Palais im Großen Garten überzeugen, wo zum Beispiel die Bedeutung der Podeste erläutert wurde. Jan Vogler führte es vor: im Vergleich des Cellotones mit auf dem Steinboden aufgesetzten Stachel und auf dem mitschwingenden Holzpodest zeigte sich deutlich, daß das Podest die Klangentfaltung unterstützt erheblich.

Anders als ursprünglich geplant begann das Abschlußkonzert in der Semperoper mit Robert Schumanns zweiter Sinfonie. Sinfonie – Konzert – Sinfonie: auch am letzten Tag galt das Extraformat der Festspiele. Schumanns Dresdner Sinfonie atmete nicht nur die luziden Farben der »alten« Spielpraxis, sondern auch die Erregung der Ideen. Themen, Motive als musikalische Impulse – nicht nur im Gegenüber der ersten und zweiten Geigen ließ sich dies ablesen, sondern auch in den Stimmen der Bläser, selbst dann, wenn diese im Tutti spielten oder – ohne Solopassagen – den Streichern zugewandt waren. Ivor Boltons Lesart kehrte die sinfonischen Zutaten prägnant hervor, bereitete mit dem Andante gediegenen Genuß.

»Wie früher« (hatte man im Werkstattkonzert erfahren können) war die Zusammenstellung für Schumanns Konzert: Die Orchestercelli ohne Stachel, das des Solisten mit. Die Orchester waren immer schon (und nicht nur in Dresden) stärker konservativ und in der Tradition verhaftet, während sich Solisten damals schon individuell und von neuen Tendenzen oder aus anderen Ländern beeinflußt zeigten. Aufmerksamkeit füreinander und ein Dirigent sorgen schließlich dafür, daß unterschiedliche Ansätze dennoch zusammenfinden. So spielte die Streicher mit minimalem Vibrato, während Jan Vogler seinen Ton damit anreichert. Ebenfalls auf Darmsaiten übrigens, was man bei Schumanns Konzert nur selten hört. Kantiger klingt dies zunächst, markanter, rauher, aber eben auch farbenreicher, impulsiver, energiegeladener. Ivor Bolton verknüpfte die Stimmen innig, hob Bezüge, die Entwicklung des Stückes hervor.

Jan Vogler spendierte als Zugabe – mit der passenden Besaitung besonders schön – die gediegene Sarabande aus dritter Cellosuite Johann Sebastian Bachs.

Das letzte Wort gehörte Beethovens fünfter Sinfonie. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr war diese mit Michael Sanderling bei der Dresdner Philharmonie erklungen – auch damals mit Anleihen an die historische Informiertheit. Boltons Festspielorchester stellte nicht allein das Schicksal heraus, sondern fand durchaus einen fröhlichen Beethoven, zeichnete idyllische Gefilde, ließ über zarten Pizzicati Bläser aufleuchten. Hörgenuß mit Gänsehautgefahr!

Beethoven drängte sich daher ebenso zum Nachhören auf (etwa mit The Knights, 2011 eine Koproduktion der Musikfestspiele). Schumann nachhören dürfen wir im Herbst, dann erscheint die erste CD-Produktion des Festspielorchesters.

6. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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