Eindrucksvolle Rückkehr

Nikolaj Znaider mit Beethoven bei der Sächsischen Staatskapelle

Die Verbindung von Nikolaj Znaider mit der Sächsischen Staatskapelle geht tief. Vor fünf Jahren war er »Capell-Virtuos«, seine Konzerte mit Sir Colin Davis blieben nachhaltig in Erinnerung. Am vergangenen Wochenende kehrte Nikolaj Znaider mit Beethovens epochalem Opus 61 nach Dresden zurück.

Da fielen die beiden Werke nach der Pause deutlich ab, auch in der Erwartung: Max Regers »Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart« und Richard Strauss‘ »Till Eulenspiegels lustige Streiche«. Kürzlich konnte man im Hosterwitzer Weber-Museum eine Cellosuite Max Regers hören und sich überzeugen, daß jener durchaus einen feinen, vergeistigten Strich verstand, in seinen Orchesterwerken blieb Reger jedoch oft seiner Zeit und der »neutönenden« Spätromantik verhaftet. Mit großer Reichhaltigkeit in der Harmonik und kontrapunktischen Verflechtungen geraten sie mitunter pathetisch, wenn nicht gar schwülstig – Reger entdecken fällt in der Kammer-, Orgel- oder Chormusik vielleicht leichter. Zu seinen bekanntesten Werken gehören ausgerechnet Bearbeitungen wie die Variationen und Fuge über ein Thema von Bach (Opus 81, für Klavier) oder jene Orchestervariationen auf das Thema einer Mozart-Klaviersonate.

Christian Thielemann ließ den acht Variationen reichlich Raum, »malte« mit glühenden, prächtigen Farben, legte die Strukturen der Fuge offen. Am besten gefiel die geschmeidige Variation Nr. 6 – Sostenuto. Ähnlich klangreich, aber deutlich lebhafter und fröhlicher gelang Richard Strauss‘ launige Schelmerei »Till Eulenspiegel«. Schon in den ersten Takten ist die Staatskapelle hier zu Hause wie im »Rosenkavalier«, läßt Streicher glänzen und Blech blinken. Fröhlich-lärmig war dieser Konzertabschluß, aber auch mit Feinheiten wie einer (nur scheinbar) aus der Ferne rufenden Klarinette (Wolfram Große).

Über allem aber ragte Beethoven, der Gigant, mit seinem gigantischen Violinkonzert – zumindest an diesem Abend, dem Montag der dritten Konzertaufführung. Keineswegs führte dies Gigantentum zu Gigantomanie – im Gegenteil! So hat man dieses Werk wohl noch nie gehört, so zart, fein, voller innerer Impulse. Während die Pauken zu Beginn noch das Schlachtengetümmel und den Zeitenlauf der Kompositionsphase zu intonieren schienen, setzte ihnen Znaider die Antithese süßer, unbeirrbarer Seligkeit entgegen. Christian Thielemann ging darauf ein und nutzte die ganze Elastizität des Orchesters in Tempi und Dynamik, um dies Wechselspiel mit flackernden Lichtern zu erhellen und das Publikum zu inspirieren. Znaider war der Wanderer, den ich stürmischen Zeiten ein Liebesflehen herumtreibt, mit der Kadenz scheint er endlich den (musikalisch prächtigen) Aufruhr beruhigt zu haben – der Geigenbogen als Zauberstab. Das Larghetto schimmerte in der Semperoper so leise wie noch nie, der Dirigent geht in die Knie – vor dem Solisten oder dem Orchester? – die Bläser ruhten – fast – bis sich die Hörner ganz sanft, auch sie wie von Ferne, vernehmen ließen. Auf die Erlösung folgte die Entspannung eines fröhlichen Kehraus‘ oder Neuanfangs. Beethovens Blick, so scheint es, war voller Zuversicht in die Zukunft gerichtet.

Der dritte Konzertabend ist nicht unbedingt wie der erste. Sarabanden, meinte Nikolaj Znaiders, würden »hier« nur ungern gehört. Nicht, weil sie unbeliebt seien, sondern weil man sie immer als Zugabe spielt. Deshalb änderte er sein Programm und lieferte das Largo aus BWV 1005 nach.

7. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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