Aufregende Interpretation

Joseph Haydns »Schöpfung« bei den Dresdner Musikfestspielen

Das blaue Eventlicht in der Kreuzkirche und der Zusatz »choreographierte Fassung« konnten zunächst Mißtrauen erwecken – wann hatte Haydn diese Fassung denn erstellt? Oder sollte jemand sein Werk bearbeitet haben? Zum Glück: nein. Festspielintendant Jan Vogler hatte allerdings den Künstler Yaman Okur gebeten, eine Choreographie für die Aufführung im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele zu entwerfen. Okur ist eigentlich in der Hip-Hop- oder Breakdance-Welt zu Hause, wirkte beim Cirque du Soleile, hat sich aber bereits auch in einem Projekt mit Katia und Marielle Labèque mit zeitgenössischer klassischer Musik befaßt. »Die Schöpfung« war nun sein erstes klassisch-klassisches Stück. Aber schon der Moment, als sich der Chor in der Sinfonia mit dem (musikalisch) einsetzenden Licht erhob, wirkte choreographisch abgestimmt.

Haydns Oratorium beginnt mit einem schlichten Ton – einem c. Der Mittelpunkt des Quintenzirkels ist also der Ursprung der Welt, aus dem sich erst Chaos und dann Ordnung bilden, »geschöpft« werden. Und dies Schöpfen hat Haydn effektvoll in Szene gesetzt, läßt Licht aus der Dunkelheit hervorbrechen, spiegelt das reflektierte Sonnenlicht im Mond auch musikalisch, und wenn die Streicher, zwischen Tonhöhen gleitend, Klang in die Länge ziehen, ist klar, daß hier etwas kriecht – Würmer. Die klanglichen »Bilder«, die der Komponist gefunden hat, sind bunt und reich wie in einem Märchenbuch, ein Eindruck, den manche Textpassage noch verstärkt. Solch klangliche Effekte sinnig hervorzubringen, ohne sie nur herauszustellen, ist Aufgabe des Dirigenten. Die Balance entscheidet hier zwischen Affektiertheit und Feinzeichnung. Hans-Christoph Rademann gilt als einer der Feinzeichner. Er findet in Haydns Werk vieles, was dieser bei den Alten Meistern gelernt hat.

Das Dresdner Festspielorchester wird alljährlich zur Festspielzeit neu gefunden, setzt sich aus Musikern der ganzen Welt zusammen, die – mit alten Instrumenten – der Klangwelt Johann Georg Pisendels nachspüren. Rademanns Dresdner Kammerchor, für den die Aufführung eines der Jubiläumskonzerte im dreißigsten Jahr des Bestehens war, ist mit seinem Gründer und Leiter bei den Alten Meistern zu Hause wie wenige andere Ensembles – die Gesamtaufnahme der Werke Heinrich Schütz‘, welche bis zum Reformationsjahr abgeschlossen werden soll, ist ein ausdrucksvoller Beleg dieser Stetigkeit und Arbeit.

Dem Dirigenten ist es gelungen, beide Klangkörper ausdrucksstark zu verschmelzen (Einstudierung des Chores: Olaf Katzer) und für Ausgewogenheit und Maß zu sorgen. Gerade die feine Verwebung, schwebende Piani und fließende Tempi ließen Feinheiten fein schimmern, sie klar hörbar werden zu lassen. Vor allem die Holzbläser konnten Akzente setzen, wenn sie im Wechsel mit den Sängern Duette bildeten. Aber auch die Baßbegleitung in den Rezitativen mit Raphael Altermann am Hammerklavier gelang perlend und melodiös.

Als Solisten hatte man die Sopranistin Regula Mühlemann, Tenor Daniel Behle und Baß Georg Zeppenfeld verpflichtet. Alle drei waren schon oder sind in Dresden zu erleben, in vielen Opernrollen oder zu Liederabenden, oder aber weil sie, wie Regula Mühlemann als »Ännchen«, an Jens Neuberts Opernfilm »Der Freischütz – Hunter‘s Bride« beteiligt waren, der in der Region entstanden ist. Die Sopranistin war betörend und glockenhell eine ideale Verkörperung des Liebreizes, den »Nachtigallen« (mit Flötenunterstützung) und »Taubenpaar« beschwören. Daniel Behle beeindruckte vor allem erzählerisch stark, trat aber als Uriel gleich zu Beginn als strahlender Verkünder der »neuen Welt« auf und ließ später, wenn »Klang aus Rosenwolken bricht« Stimmung klanglich schmelzen. Georg Zeppenfeld wiederum gestaltete seinen Rollen (unter anderem Raphael und Adam) mit Verve und Wärme und ließ ihnen innerer Kraft angedeihen. Mit Textverständlichkeit konnten alle drei wie auch der Chor überzeugen. Im Schluß-Amen wurde das Terzett noch um Altistin Aneta Petrasova aus dem Chor erweitert – einem Schützling des Schütz-Experten Rademann.

Yaman Okurs Choreographie mit vier Tänzern hat das Werk weder verändert noch neu gedeutet. Schön auch, daß sie nicht permanent als Untermalung ablief, sondern in drei Sequenzen eine in vieler Hinsicht spannende Erweiterung war. Ob sich die Synthese aus Text, Musik und Tanz für die Besucher leicht und stringent ergeben hat, sei dahingestellt – zum Terzett von Gabriel, Uriel und Raphael konnten die direkt vor den Sängern agierenden Tänzer auch irritieren. Zu den Chorpassagen dagegen, vor allem Nr. 26 (»Vollendet das große Werk«) und in ihrer tänzerischen Anlage, die mit modernen Elementen und solchen aus der Pop-Welt entliehenen spielt, war es eine bemerkenswerte Ergänzung.

3. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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