Jetzt im Bergpalais

Lange Jahre hatte die Reihe »Musik im Wasserpalais« geheißen und war in demselben zu Hause gewesen. Nun ist man auf die gegenüberliegende Seite des Pillnitzer Schloßparks, ins spiegelsymmetrisch gelegene und gebaute »Bergpalais« umgezogen. »Alte Musik im Kunstgewerbemuseum« nennt sich die Reihe nun nach dem Gastgeber.

Den Instrumenten – einem prächtigen Orgelpositiv aus der Werkstatt Johann Heinrich Gräbner d. Ä. sowie drei alten Streichinstrumenten (die hier – bzw. »gegenüber« – schon öfter erklungen waren) – dürfte der Ort mit Sicherheit egal sein, soweit er entsprechend temperiert ist. Sie haben ein bewegtes Leben hinter sich, bewegter als ein Umzug um ein paar Meter.

Das Ensemble Fürsten-Musik mit Mechthild Karkow, Anne Schumann, Klaus Voigt, Felix Görg und Sebastian Knebel hatte Musik aus der Vor-Bach-Zeit auf dem Programm, aus dem 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die damit noch weiter in die Vergangenheit reichte als der Lebenslauf der Instrumente. Mit kleinen Stücken, einer Toccata Giovanni Battista Vitalis, einem Intonatio Promi toni von Hans Leo Hassler sowie einer Bergamasca und einer Ciacona, ebenfalls von Vitali, stellten sich zunächst die einzelnen Instrumente vor. Die Zuhörer konnten sich nicht nur auf die andere Klangwelt der alten Musik und der Darmsaiten einstellen, sondern auch den besonderen Charakter der Instrumente kennenlernen, welche in der damaligen Zeit noch um vieles individueller waren, als es unsere heutigen Violinfamilien sind, welche sich zwar in der Tonhöhe, aber deutlich weniger im Charakter unterscheiden. Rauher, gaumiger und kehliger klingt zum Beispiel die Tenor-Viola da braccia, dunkler, kräftiger der Bassett (ein Cello in »Übergröße«). (Die beiden Streichinstrumente stammen aus dem Fundus des Museums.) Doch was man für eine moderne Konzertvioline als mißtönig oder »schräg« deuten könnte, gehört hier zur Ausdrucksstärke und –vielfalt. Es vertieft Empfindung und ist, einem Rufen ähnlich, tatsächlich näher an der menschlichen Stimme (der Bassett erinnert zuweilen sogar an einen leise geblasenen Zink). Es ist aber auch geeignet, andere Instrumente oder Stimmen zu imitieren, wie sich später noch zeigen sollte.

Im Wechsel und im Ensemble hatten die fünf Musiker ein »Kurzweiliges Quodlibet« (so der Programmtitel) zusammengestellt, das viele geschichtliche rote Fäden hatte, denn bei Komponisten wie Carlo Farina, Christian Michael, Johann Klemm oder Girolamo Frescobaldi ergeben sich sowohl untereinander als auch zur Stadt Dresden reichhaltige Bezüge, die der Cembalist Sebastian Knebel zwischendurch erläuterte. An diesem Tag wirkte er allerdings als Organist, und es zeigte sich, daß Heinrich Gräbners restauriertes und rekonstruiertes Orgelpositiv ebenso prächtig klingt, wie es aussieht. An so einem Instrument – kann man sich vorstellen – müssen auch Händels berühmte Orgelkonzerte entstanden sein. (Zumindest den Klang betreffend kann man davon ausgehen. Optisch war Händels Theaterorgel keineswegs mit dem Pillnitzer Positiv vergleichbar.)

Mit einem heiteren Capriccio stravagante Carlo Farinas, das wohl als initiales Werk für das Programm gesehen werden kann, fand der musikalische Nachmittag ein fröhliches Ende. Farina zeichnet in seinem Quodlibet auch lautmalerisch einen Dorfspaziergag nach, imitiert dabei Menschen, falsch spielende Organisten und Tiere. Einhundert Jahre vor Jean-Philippe Rameaus Suite in G-Dur bzw. g-Moll und dessen La Poule schnatterte schon bei Farina eine Henne.

Das nächste Konzert der Reihe findet am 20. August statt. Zum Motto »Die lieblichen Blicke« werden dann Werke zu den 400. Geburtstagen von Johann Jakob Froberger und Matthias Weckmann für Cembalo und Orgel erklingen.

12, Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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