Dirigenten und Solistin der Dresdner Musikhochschule

Erzgebirgische Philharmonie Aue

Das letzte Philharmonische Konzert der Erzgebirgischen Philharmonie Aue hat seinen festen Platz im Terminkalender, in Aue und Annaberg-Buchholz ebenso wie im Konzertsaal der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Am Pult findet dabei ein fliegender Wechsel statt, wenn sich Studenten aus den Dresden Dirigentenklassen den Stab in die Hand geben, und auch der Solist bzw. die Solistin kommt von der hiesigen Musikhochschule.

Den Anfang machte diesmal Rafael Sanchez aus der Klasse Georg-Christoph Sandmanns. Er hatte sich in die Partitur einer Sinfonischen Dichtung von Nikolai Andrejewitsch Roslawez vertieft. Roslawez, der sich als einer der ersten in Rußland mit Neuer Musik auseinandersetzte, war wie andere Komponisten auch mit dem Vorwurf des »Formalismus« behaftet, nur daß in seinem Fall Berufsverbot, Verfemung sowie die Beschlagnahme und sogar Vernichtung der Werke zu einem Vergessen des Künstlers führten – heute sind uns seine Werke nahezu unbekannt. Dabei zeigt ein Blick in seinen Werkkatalog ein reichhaltiges Schaffen, das von Orchestermusik über Ballett, Chorwerken und Liedern bis hin zur Kammermusik reicht. Roslawez wiederzuentdecken bedeutet deshalb, vieles erst einmal wiederzufinden. Auch »In den Stunden des Neumonds« ist so ein Werk. Die Musikwissenschaftlerin Maria Lobanowa hat es rekonstruiert und sich über viele Jahre für Aufführungen eingesetzt. Das Werk basiert auf kleinen Themen und Sequenzen, die von Streichern, Bläsern und der Harfe ausgeführt werden. (Vornehmlich) die Streicher liefern dazu ein grundierendes Klangfundament, über dem kurze Motive und Motivschnipsel deutlich aufleuchten, aber auch vier Schlagzeuge unterstreichen den expressiven, symbolistischen Charakter des Werkes. Gerade durch Gegenüberstellungen, tief grummelnde Lagen und hell klingende Harfenarpeggien oder Flötentriolen etwa, entstehen klangbildliche Episoden, in denen Rafael Sanchez mit der Erzgebirgischen Philharmonie Farben und Formen auslotete. Besonders die Ausgeglichenheit heller »Sterneneffekte« und dramatisch dunkler Betonungen fiel hier auf.

Auch die Person Peter Tschaikowskis war nicht immer unumstritten – teilweise bestehen selbst heute noch Vorbehalte. Im Gegensatz dazu sind seine Werke allerdings in den Konzertsälen etabliert. Die »Rokokovariationen« gehören zu den schönsten und beliebtesten Stücken, sind allerdings für den »Salon« vollkommen ungeeignet. Um so mehr gilt das anspruchsvolle Stück als »Visitenkarte« für den Cellisten. Yoosin Park (Klasse Prof. Emil Rovner) hatte von Beginn kein Problem, dem virtuosen Anspruch gerecht zu werden. Mit kräftigem, warmen Ton und den ganzen Bogen nutzend zeichnete sie die charakteristischen Variationen nach: ob mit melancholischer Schwermut oder heiter hüpfend, scherzend oder singend – am Ende schwang sie sich im Duett, erst mit der Flöte, welche das Thema übernahm, dann mit der Klarinette, in lichte Höhen. Dabei überwog der Zauber des Singens gegenüber der virtuosen »Show«. Iurii Kravets (Klasse Prof. Steffen Leißner) führte Solistin und Orchester in einer lebendigen Wiedergabe zusammen. Mit farblichen Abstufungen der Streicher, tänzerischen Rhythmen und warmen sowie brillanten Bläsern (Flötensoli) bezauberte die Erzgebirgische Philharmonie.

Nach der Pause fand die Konzertsaison des Orchesters mit Dmitri Schostakowitschs neunter Sinfonie ihren Abschluß. Unter den Augen des Schostakowitsch-Experten (und Cello-Professors) Michael Sanderling führte Andrea Barizza (Klasse Prof. Steffen Leißner) das Orchester durch das Sinfonie-Pasticcio, das in seiner Form teilweise an eine Suite erinnert. Während er heitere Beginn das Werk in die Nähe von Stücken aus dem »Goldenen Zeitalter« oder »Moskau, Tscherjomuschki« rückt, folgt schon im zweiten Satz ein Moderato, dem Andrea Barizza beschwörende Intensität verlieh. Ob Blechbläser, Fagott, Klarinette oder Konzertmeister – der Soli gab es viele in Szene zu setzen, was Dirigent und Orchester meisterlich verstanden.

17. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s