Mattes Meisterkonzert mit überraschendem Ende

Klavierabend mit Sina Kloke auf Schloß Albrechtsberg

Mit einem Rezital ging die Saison der vom Moritzburg Festival ausgerichteten Meisterkonzerte am Freitagabend auf Schloß Albrechtsberg zu Ende. Die Pianistin Sina Kloke hat unter anderem an den Musikhochschulen in Dresden, New York (Juilliard School) und Köln studiert, wurde durch Unterricht und Meisterkurse bei Pianisten wie Pavel Gililov oder Paul Badura-Skoda beeinflußt. Derzeit beschäftigt sie sich vor allem mit Werken Franz Schuberts und Johann Sebastian Bachs, denen auch der erste Teil des Konzerts gewidmet war.

Schuberts Impromptus D 899 genießen in der Klavierliteratur beinahe eine Heiligenverehrung – der große Alfred Brendel spielte das dritte in Ges-Dur als vorletztes Stück in seinem letzten Konzert, bevor er mit einem Bach-Choral den Klavierdeckel schloß. »Heiligenverehrung« ist jedoch im künstlerischen Sinne zu verstehen, mit gedanklicher Tiefe gleichzusetzen, nicht mit »Kult«. In den ersten beiden Impromptus, mit denen Sina Kloke begann (das dritte folgte später als Zugabe) zeigte sich jedoch, daß sich die junge Pianistin noch auf dem Weg der Auseinandersetzung befindet. Mit großer Gleichmäßigkeit und Schlichtheit erreichte sie die Schubert’sche Sinnenschwere bei weitem nicht. Vielleicht auch hatte der Flügel klangliche Defizite – selbst perlende Passagen glänzten nur matt oder metallisch hart.

Gleichmäßigkeit und etwas Mattigkeit prägten auch die erste der Englischen Suiten Johann Sebastian Bachs, die im Programm folgte. Doch nach der Pause zeigte Sina Kloke einen bereits vertieften Zugang zu Johannes Brahms. In den Klavierstücken Opus 119 verstand sie einen grüblerischen Ansatz (Intermezzo h-Moll) oder einen behend eilenden, sommerlich-freundlich gesinnten Brahms (Intermezzo e-Moll) herauszustellen.

Und dann das: Nach diesen Gratmessern des Klavier-Kanons schloß die Pianistin ihr Programm mit George Enescus Klaviersuite Nr. 2. und entfachte einen impressionistischen Farbenrausch mit einem Stück, das vielen der Zuhörer neu gewesen sein dürfte. Carmen Delia Romero zählt den Komponisten neben Maurice Ravel und Claude Debussy zu jenem »musikalischen Trinom«, ohne den sich ein »treffendes Bild vom damaligen Paris« (des beginnenden 20. Jahrhunderts) nicht zeichnen ließe. Enescu stand in seinem harmonischen Denken zwar Brahms und Wagner nahe, der Rumäne hatte jedoch den impressionistischen Klang der Zeit nicht nur verinnerlicht, sondern prägte ihn selbst mit. Seine zweite Suite folgt einem klassischen Format mit drei Tanzsätzen (Sarabande, Pavane und Bourrée), denen eine Toccata vorangestellt ist, zaubert aber musikalische Bilder herbei, wie wir sie aus den (ein Jahr später entstandenen) »Miroirs« von Maurice Ravel kennen. Perlend, farbig und rhythmisch befreit – ohne »Korsett« spielte Sina Kloke schon die Toccata, auch in der Sarabande hatte sie eine Leichtigkeit gefunden, welche das Werk aus der Starre der Form enthob, in der Pavane ergötzte sie ihr Publikum am Spiel von Ruhe und Impuls.

11. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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