Bachfest Leipzig

Klenke Quartett mit Bach, Mozart und Reger

Zehn Tage im Juni dreht sich die musikalische Welt in Leipzig noch mehr um den ehemaligen Thomaskantor als sonst – zum Bachfest Leipzig stellen sich internationale Gäste ein, das Programm bietet neben Konzerten auch Gespräche, Symposien, Vorträge, musikalische Gottesdienste oder Orgelfahrten.

Am Sonntagabend war das Klenke Quartett in der Salle de Pologne zu Gast. Das ehemalige Hôtel de Pologe empfing einst illustre Gäste wie Richard Wagner oder Clara Wieck, von der alten Pracht zeugt heute vor allem der erhaltene Festsaal, in den nun das in Weimar gegründete Quartett kam.

Nach Leipzig brachte es – natürlich! – Bach mit, aber auch Mozart sowie Reger. Das Klenke Quartett begann den Abend mit den Contrapunctus 1, 2 und 9 aus der »Kunst der Fuge« (BWV 1080). Gilt Bach doch ohnehin als Urvater, auf den sich im Grunde jeder nachschaffende Komponist bezogen hat, war er auch Ausgangspunkt an diesem Abend. Das Quartett gab zunächst der Reinheit des Gedankens den Vorzug, ließ das Thema aus zwei Stimmen im Kanon der vier Streicher erstehen und gönnten sich auch eine Zäsur der Stille, bevor es mit dem Schluß eine noch größere Dichte erreichten. Von hier verschlangen sich die Stimmen in den folgenden beiden Contrapunctus noch vielschichtiger, jedoch immer – der Gedankenreinheit folgend – ausgesprochen klar. So stand die mathematische Struktur der Bach’schen Komposition im Vordergrund, ohne ihr eine überbordende Stimmung oder Interpretation aufzuprägen.

Auch nach 25 Jahren spielen Annegret Klenke und Beate Hartmann (Violinen), Yvonne Uhlemann (Viola) und Ruth Kaltenhäuser (Violoncello) in gleicher Besetzung. Diese Vertrautheit und Erfahrung führt sie unmittelbar zum musikalischen Kern eines Werkes, dies verlieh aber auch dem folgenden Mozart-Quartett in d-Moll (KV 421) einen gediegenen Charakter. Wunderbar, wie sich die Einzelstimmen verfolgen ließen, wie erste und zweite Violine ihre Themen sangen, wunderbar aber auch, wie selbst begleitende Baßstimmen eingepaßt waren, wie harmonisch Wechsel erfolgten. Innere Ruhe prägte schon den ersten Satz, ein gegenseitiges Befragen und Bekennen den zweiten. Ob beherzte Repetitionen oder Pizzicati, die an Harfen erinnerten – der Leitfaden folgte Mozarts Musik, nicht einer technischen Zurschaustellung. So fand auch das Allegretto ein vergleichsweise schlichtes und unaufgeladenes Ende.

Den Abschluß bildete Max Regers Klarinettenquintett Opus 146, wofür das Quartett um Alexander Barder von den Berliner Philharmonikern erweitert wurde. Die Neuen (musikalischen) Blätter haben zuletzt einige Konzerte besucht, welche im Gedenken des 1916 verstorbenen Komponisten standen. Während manches spätromantische Konzert heute schier massig erscheint, gewinnt Reger gerade in kleineren oder reduzierten Formen oder in Chorwerken, immer dann, wenn sich gedankliche Tiefe musikalisch Bahn bricht. So sich hier: Zunächst stellt er die Klarinette dem Streichquartett gegenüber, nach und nach verdichten sich aber ihre Stimmen, bis die Klarinette gänzlich im Quintett aufgeht. Con sordino gespielte Streicher und ein Windhauch der Klarinette beschwören anfangs Klagegesänge, doch mit fortlaufendem Stück gewinnen Stimmen und Struktur an Gewicht, Gedankenklarheit auch hier. Vielgliedrig und lebendig beginnt der letzte Satz, doch vor allem beeindruckte (auch hier), daß die Musiker ihre Mittel nicht dem Effekt unterordneten, sondern aus der Gedankentiefe Spannung zu erzeugen wußten.

13. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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