Vier Werke, zwei Solisten

Konzert des Jungen Sinfonieorchesters Dresden in der Musikhochschule

Mit dem Ende des Schuljahres stellt sich keineswegs eine lockere Partystimmung bei den Schülern des Landesgymnasiums für Musik Carl Maria von Weber Dresden ein, gilt es doch, neben Prüfungen und Vorspielen auch verschiedene Konzertauftritte zu bewerkstelligen. Anwesenheit allein genügt da keineswegs – Hingabe und sich in die Aufgabe vertiefen gehören zum professionellen Auftritt. Die jungen Musikerinnen und Musiker haben dies verinnerlicht, kein Wunder, daß unter den Orchestermitgliedern viele Namen auffallen, die schon bekannt sind, sei es wegen erfolgreicher Wettbewerbsteilnahmen oder von anderen Konzertgelegenheiten. Und als ob das nicht genügen würde, war das Orchester am Sonntagmorgen gleich noch einmal im Einsatz und an der Benefiz-Matinée der Daetz-Stiftung in der Semperoper beteiligt.

Davor gab es am Sonnabend erneut einen Gastauftritt im Konzertsaal der Musikhochschule – beide Institutionen stehen sich nahe, so daß die Raumwahl keineswegs nur pragmatisch gewesen sein dürfte. Für den Schuljahresabschluß hatte Orchesterleiter Wolfgang Behrend gleich vier Werke ins musikalische Rüstzeug gepackt: nach Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 1 folgte ein Flötenkonzert François Deviennes (Nr. 7 in e-Moll) sowie Dmitri Schostakowitschs bedeutendes Cellokonzert Nr. 1. An diese beiden Konzerthöhepunkte mit Solisten aus den eigenen Reihen folgten schließlich noch die »Polowetzer Tänze« aus Alexander Borodins Oper »Fürst Igor«. Werke mit ganz unterschiedlichen Charakteren lagen also auf den Pulten, dunkel beginnend, aber auch auf Erlösung hoffend mit Beethoven. Wolfgang Behrend folgte mit dem Jungen Sinfonieorchester Dresden einem schlanken Ansatz mit klaren Akzenten – schon hier bewiesen die Bläser viel Präzision.

Einer von ihnen, Antonia Heyne, gehörte in François Deviennes wohl bekanntestem Flötenkonzert die Bühne. Atempausen waren ihr in dem zungenbrecherischen Stück kaum gegönnt, fast ununterbrochen muß die Flöte Girlanden spinnen und Triller malen – eine Nachtigall im Dauereinsatz sozusagen, die selbst im Adagio noch reichlich Zierat und Schnörkel hervorzubringen hat, während das Orchester zeitweise ganz schweigt. Antonia Heyne überzeugte mit brillanter Technik, aber auch einem makellos schönen Konzertton, dem es nie an Geschmeidigkeit fehlte.

Mit Geschmeidigkeit will Dmitri Schostakowitschs erstes Cellokonzert gerade nicht überzeugen. Es ist ein Schlüsselwerk, dessen Verständnis ohne einen Bezug auf die Person und Situation des Komponisten während der Stalin-Ära und die Bedeutung des D-Es-C-H-Motivs kaum denkbar ist. Der Solist steht als einzelnes Individuum der Menge des Orchesters gegenüber, was sich musikalisch in einer bis zur Aggression gesteigerten Auseinandersetzung ausdrückt sowie in trügerischen Ruhephasen. Solist Lukas Plag beschrieb in seinem Einführungstext die „sibirische Weite“ und das im „Nebel“ verschwindende Thema – keine beruhigenden Bilder. Der Cellist nahm gleich den Beginn kernig, fand im lange H des Themas den Ausgangsimpuls, von dem aus er (s)einen stetigen Kampf ausfocht – immer wieder mit dem Horn (hervorragend!) als dramatischen Partner. Daß Lukas Plag in Intensität und Spannung niemals nachließ, war eine fulminante Leistung, für die es großen Applaus und Jubel gab.

Das Orchester konnte während der beiden Konzertstücke mit vielen weiteren Solisten glänzen, zum Abschluß wechselte es noch einmal den musikalischen Charakter, ließ nasale Oboen und freche Fagotte mit Borodin tanzen.

19. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s