Die Botschaft: Austausch und Vermittlung

TU-Sinfonieorchester in der Lukaskirche

Zur Musiklandschaft Dresdens gehören nicht nur Profiorchester und -ensemble, sondern nicht zuletzt aktive Laienmusiker, die in Chören oder Orchestern organisiert sind. Daß sie die Musik nur »nebenbei« verfolgen, schließt Ambition und Ernsthaftigkeit keineswegs aus. Regelmäßige Treffen fördern auch hier erstaunliches zutage, wovon sich die Zuhörer am Sonntagabend überzeugen konnten, als das TU-Sinfonieorchester ein Konzert in der Lukaskirche gab.

Zum Semesterende begeben sich die Musiker auf Einladung zum Universitätsorchester Oslo. Neben dem gegenseitigen Kennenlernen und einem Workshop in Norwegens Hauptstadt soll dann Sergej Rachmaninows »Die Toteninsel« einstudiert werden. Darüber hinaus wird das Dresdner Orchester am 25. Juni ein Konzert geben, dessen Programm vorab schon einmal aufgeführt wurde.

»Was nimmt man mit auf die Reise?« hatte der Leiter Filip Paluchowski gefragt, und sich die Antwort nicht leichtgemacht. Schließlich hatten er und seine Musiker sich für Werke entschieden, die selten zu hören sind oder unterschätzt werden, weil sie bzw. ihre Komponisten negativ rezipiert wurden: Igor Strawinskys »Four norwegian moods«, Paul Hindemiths »Nobilissima Visione« und Felix Mendelssohn-Bartholdys »Reformations-Sinfonie«.

»Norwegian moods«, eigentlich für Hollywood geschrieben worden, entsprach nicht den Erwartungen der Auftraggeber – zu harmonisch war das Werk für einen Propagandakriegsfilm. Aber auch das Publikum der französischen Erstaufführung lehnte die Stück 1945 ab – weil sie nicht modern genug (!) waren. Filip Paluchowski konzentrierte sich auf den Bildgehalt der Musik und hatte das Publikum vorab schon auf den »Hochzeitstanz« eingestimmt, in dem Braut (²/₄-Takt) und Bräutigam (¾-Takt) sich nicht einigen waren, wie denn nun zu tanzen sei. Und selbst im Temperament schienen die beiden verschieden! Der fröhlichen Stimmung tat dies keinen Abbruch, daß sich das Orchester von diesem komponierten Widerspruch nicht wirklich aus dem Takt bringen ließ, verdient mehr als Respekt.

Vorlage für Paul Hindemiths Musik war wiederum ein Ballett über das Leben Franz von Assisis. In der Suite »Nobilissima Visione« gibt es auch einen Hochzeitstanz, doch geht es viel weniger temperamentvoll zu als bei Strawinsky. Hindemith hat (eigenen Worten zufolge) »den tiefen Frieden und die überirdische Heiterkeit« wiedergeben wollen, die auf der Hochzeit trotz Armut (es gibt nur Wasser und Brot) herrschen. Auf burlesken Charme ließ das Orchester also sinfonisches Gleichmaß folgen. »Nobilissima Visione« ist jedoch keine leichte Serenade, sondern ein Werk voller lautmalerischer Effekte und zahlreicher Soloeinsätze – die Musiker zeigten sich versiert, Andacht, Frohsinn und Militärkapelle zu intonieren.

Hindemiths Suite schließt in der klassischen Form der Passacaglia mit einem melodischen Thema. Auch Mendelssohn griff die traditionellen Formen auf und führte seine fünfte Sinfonie in den Choral »Ein‘ feste Burg ist unser Gott« über. Filip Paluchowski erweckte das Orchester zu Mendelssohn’scher Lebendigkeit mit frohen und offenen Klängen.

Nach den grotesken Fratzen und starken Bildern durfte das Publikum also schließlich schwelgen. Und mit dem Humperdincks »Abendsegen« als Zugabe hat das Orchester gleich noch ein Werk im Gepäck, dessen »Bild« korrekturbedürftig scheint, denn »Hänsel und Gretel« sind kein Weihnachtsmärchen.

20. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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