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Frieder Bernius mit dem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart in der Dresdner Frauenkirche

Die Wohnorte und damit verbundenen Lebensphasen Wolfgang Amadeus Mozarts prägten dessen Schaffen unterschiedlich, so auch seine kirchenmusikalischen Kompositionen. Während er in Diensten des Salzburger Erzbischofs Colloredo stehend auch für liturgische Werke verantwortlich war und zahlreiche Werke wie Messen und Vespern schrieb, entfiel mit seinem Umzug nach Wien ein derartiger Zwangsdienst. Zudem herrschte in Wien zur Zeit Joseph II. der Geist der Aufklärung, was eine allzu prachtvolle Kirchenmusik praktisch ausschloß. So ist es nicht verwunderlich, daß die Zahl der geistlichen Werke nach 1781 eher klein ausfällt. Gleichwohl finden sich auch hier Kompositionen von ungeheurem Einfallsreichtum und größter Meisterschaft, selbst wenn es fragmentarische Stücke, die nicht abgeschlossen wurden, sind, wie die 1782 / 83 geschriebene Messe c-Moll KV 427. Der um einzelne Dresdner Sänger ergänzte Kammerchor Stuttgart sowie die Hofkapelle Stuttgart führten das Werk am Freitagabend unter der Leitung ihres Gründers Frieder Bernius in der Frauenkirche auf. Im Kontrast hatten die Musiker der Messe ein kirchliches Mozart-Werk aus der Salzburg-Zeit, die »Litaniae de vernerabili altaris Sacramento« (1776, KV 243), vorangestellt.

Die beinahe 40 Sänger waren im Halbkreis des Altarraumes aufgestellt, in dessen Mitte die ebenfalls nicht kleine Hofkapelle saß. Gerade diese gezwungen gedrängte Anordnung schmälerte aber die Aufführung beträchtlich, denn das Ineinander der Stimmen, nicht nur in den kraftvoll oder vollstimmigen Passagen, war Präzision wie differenziertem Ausdruck abträglich, ging auf Kosten der Artikulation, der Durchhörbarkeit, aber auch der dramaturgischen Durchdringung. Daß die Stimmgruppen von Chor und Orchester (im wesentlichen) gleich aufgestellt waren (Soprane / Violinen links, Bässe / tiefe Streicher rechts, ebenso bei den Bläsern), verlor damit nahezu jeden Effekt. Dabei hätte es eigentlich weder an der Verständlichkeit des Chores noch am Ausdruck etwas zu deuteln gegeben – im Gegenteil! Mit einer kleinen Überzahl der Soprane (zehn statt sonst acht Sänger) ergab sich ein angenehm helles und ausgewogenes Klangbild.

Mit Sarah Wegner (Sopran), Sophie Harmsen (Mezzosopran), Colin Balzer (Tenor) und Thilo Dahlmann (Baß) hatte man ein stimmiges Solistenquartett gefunden, wobei Mozart die höheren Stimmen, vor allem den Sopran, deutlich bevorzugt hatte. Sarah Wegner steigerte sich im Verlauf sehr stark, entwickelte, nachdem sie anfangs noch vom Orchester verdeckt wurde und sich mit Kraft dagegen durchsetzte, ihren Sopran sanft und geschmeidig, Sophie Harmsen betörte ihr Publikum nicht zuletzt mit prächtigen Koloraturen (auch Mozart bediente sich in manchen Kirchenwerken Mitteln der Oper). Colin Balzer konnte sich in der Litaniae mit gut austariertem Timbre und emphatischer Ausmalung dramatisch in Szene setzen. Höhepunkte waren jedoch die in der Messe enthaltenen Solopartien für Sopran (von Mozart für seine Frau geschrieben), in denen Sarah Wegner mit dem formidablen Terzett Flöte-Oboe-Fagott im Et incarnatus est einen brillanten und dramaturgischen Glanzpunkt setzte. Überhaut glückte das Credo am besten. Diese Qualitäten von Chor und Orchester hätte man gerne mehr ausgekostet.

26. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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