Preisträgerkonzert mit Pianisten vierhändig und an zwei Klavieren

Klavierduo Shalamov in der Frauenkirche

Berühmte Paarungen am Flügel gibt es in der Tat wenige, erfordern diese doch neben zwei herausragenden Pianisten vor allem auch, daß sie mehr als miteinander harmonieren. Ihre Stimmen müssen in einer Synthese verschmelzen, als hätten sie nicht zwei, sondern nur einen Kopf – als gäbe es nur ein ordnendes Zentrum der vier Hände.

Alina und Nikolay Shalamov haben mit ihrem Spiel nicht nur ihre Zuhörer verzaubert, sondern im vergangenen Jahr den ersten Preis beim Musikwettbewerb der ARD gewonnen – in 63 Wettbewerbsjahren gab es dies erst zweimal. Die gelungene Synthese ist sicher nur ein Grund für ihr Spiel, ein anderer liegt wohl in der Auseinandersetzung mit der Musik, die sich ebenso in den Stücken widerspiegelt. Am Sonnabend brachten die beiden Pianisten eine exquisite Auswahl mit nach Dresden, die neben dem Farbenzauber Debussys und Ravels auch Werke Mozarts, Mussorgskys und Skrjabins enthielt.

Der Abend begann jedoch mit Johann Sebastian Bach und György Kurtág. Kurtágs Miniaturen vermögen ungeheuer zu faszinieren und stehen im 90. Lebensjahr des Komponisten häufig auf den Programmen. Allzuoft leider, ohne daß ihnen ein entsprechender Rahmen bereitet wird. Die Neuen (musikalischen) Blätter mußten schon manches Mal konsternieren, daß Kurtág als Ouvertüre fungieren soll, jedoch verhallt, ohne daß die Komposition ihre Wirkung entfalten konnte.

Gerade diesen Fehler beging das Klavierduo Shalamov aber nicht. Sie ließen schon mit dem winzigen »Blumen die Menschen… [sich umschlingende Töne]« eine zauberische Atmosphäre aufleben. Als zupfe jemand eine Harfe, klangen zunächst einzelne Töne, kurze, bis zu fünf Noten lange Ketten, die unvollständig schienen, in Akkorden aber eine Auflösung fanden. Von hier ging es über drei Choralbearbeitungen (Bach / Kurtág) zu »Blumen die Menschen… [alio modo]«, ebenfalls aus dem »Játékok«, Band 8. Binnen weniger Augenblicke hatten Alina und Nikolay Shalamov die Frauenkirche mit andächtiger Ruhe ausgefüllt. Offenbar war aber auch das Publikum besonders aufmerksam: niemand klatschte zwischen den Stücken – das erlebt man selten.

Die Gestaltungskraft des Klavierduos reichte ebenso wie der Charakter der Stücke an diesem Abend weit. So bezauberten vor allem Claude Debussys »Petite Suite« (speziell »en bateau«) und Maurice Ravels »Introduction et Allegro«. Auch dies ein zutiefst impressionistisches Werk, das ebensogut »Feenwelt« oder ähnlich heißen könnte. Daß die Bearbeitung Instrumente wie Harfe und Flöte ersetzt hat, vergaß man schnell.

Einige der Werke des Abends waren Bearbeitungen, so die Fantasie f-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart. Ursprünglich als Melodie für eine Flötenuhr (KV 608), also einen Automaten geschrieben, hat Ferruccio Busoni das Werk für zwei Klaviere eingerichtet. Die bei Mozart noch ironisch klingende mechanisch regelmäßige Rhythmik schwillt bei Busoni mächtig an, wird fast martialisch, archaisch. Alexander Skrjabins abschließende Fantasie a-Moll enthält solch kraftvoll-gewaltige Passagen. Dennoch fanden sich hier ruhige, feine Momente, etwa, wenn Modest Mussorgskys »Nacht auf dem kahlen Berge« nach Donner, Blitzen und dunkel drohenden Wolken zart ausklang.

Alina und Nikolay Shalamov spannten einen weiten Bogen und überzeugten mit einem präzisen Spiel und viel Einfühlungsvermögen, sowohl für die gegenseitige Stimmsynthese, also die Musik, wie für den Raum. Am schönsten verschlangen sich ihre Stimmen wohl bei Ravel, aber auch in Alexander Skrjabins Phantasie f-Moll erklangen plötzlich Vogelstimmen, aus deren repetierendem Echo das Motiv der Melodie erstand. Einzig in Debussys »Ballet« ging im Kirchenraum die eigentliche Lebhaftigkeit etwas im Hall verloren. Doch war dies ein reines Merkmal des Ortes und ist den Spielern nicht anzulasten.

Wie schön, daß Alina und Nikolay Shalamov ihr recht kurzes Programm noch um einen Walzer Johannes Brahms‘ und einen Marsch Franz Schuberts bereicherten.

24. Juli 2016, Wolfram Quellmalz

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