»Plein jeu«

Organistin Iveta Apkalna zu Gast in der Frauenkirche

Es ist schon erstaunlich, wieviel ausgezeichnete Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten und Komponisten das verhältnismäßig kleine Lettland hervorbringt. Offenbar hat Musik bzw. die schöpferische Auseinandersetzung dort einen anderen Stellenwert als bei uns. Die Organistin Iveta Apkalna gehört zu diesem erlesenen Kreis von Musikern. Bereits mehrfach war sie in Dresden zu Gast (und wird hoffentlich dereinst an der neuen Eule-Orgel des Kulturpalastes zu erleben sein), gerade war sie zu einem Konzert mit dem Regensburger Domspatzen in Görlitz, heute spielt sie mit dem Trompeter Reinhold Friedrich in St. Annen (Annaberg-Buchholz). Derzeit lebt Iveta Apkalna in Riga und Berlin, ein wichtiger Wirkungsort wird künftig aber die Klais-Orgel der Elbphilharmonie Hamburg sein. Exakt ein halbes Jahr vor ihrem Antrittskonzert als Titularorganistin dort war sie am vergangenen Mittwoch in Dresden zu Gast.

»Plein jeu« bedeutet in der Musiksprache soviel wie »volles Spiel«, meint also einen volltönenden, strahlenden, mitreißenden Klang. Der Begriff wurde durch den liturgischen Gebrauch der Orgel in Frankreich geprägt und beschreibt einen Charakter, auf den sich ebenso Johann Sebastian Bach in seinem »Pièce d’Orgue« bezieht. Die französische Frauenkirchenorgel von David Kern ist für einen solchen Klang prädestiniert, aber auch die anderen Werke des Abends von Liszt / Reger oder Mendelssohn waren bestimmt von einem »vollen Spiel«.

Ihr Konzert begann Iveta Apkalna mit der volltönigen Toccata Opus 104 von Joseph Jongen, worin sich Struktur und impressionistische Klangeffekte zunehmend verbinden. Während obertönige impressionistische Ornamente die Toccata zunächst nur schmückten, führte die Organistin sie schließlich in einer eindrucksvollen Synthese mit der Struktur der Toccata zusammen.

Felix Mendelssohn Bartholdy hatte den Charakter seiner Orgelsonaten für die Druckausgaben kommentiert, so bezeichnete er unter anderem »Fortissimo« mit »volles Werk«. Mit seinen sechs Sonaten besann sich Mendelssohn jedoch nicht nur auf eine »alte Form«, sondern führte sie in seine Zeit und deren Klangmöglichkeiten über. Dabei dürften ihn Erfahrungen mit Instrumenten in England, wohin Mendelssohn mehrfach reiste und unter anderem Orgelkonzerte gab, beeinflußt haben. Iveta Apkalna ließ in der vierten Sonate vor allem in den ersten beiden Sätzen Kathedralenatmosphäre aufstrahlen, das Allegretto büßte allerdings in dieser Klangpracht an Leichtigkeit und Zartheit ein.

Das zentrale und vielleicht beeindruckendste Stück im Programm war Pēteris Vasks »Viatore« (Der Reisende). Ursprünglich für Streichorchester geschrieben, hat der Komponist das Werk später noch einmal überarbeitet und für Orgel eingerichtet. Auffällig ist eine doppelte Zweiteiligkeit: über einem Grundmotiv, welches für Stetigkeit und Rückbesinnung steht, dem Reisenden sozusagen Halt gibt, erklingen meist obertönige Episoden, die Erlebnisse des Reisenden. Vasks, der sich in seiner Musik auch mit religiösen und spirituellen Fragen auseinandersetzt, zeichnet zunächst einen ruhigen Lebensverlauf des Reisenden nach, der nach stetiger Steigerung nach einem Höhepunkt, von Iveta Apkalna in fast schmerzhaft grellen Farben als Zäsur dargestellt, auf einem jenseitigen Weg in die Unendlichkeit weitergeführt wird. Das Werk schließt also nicht nach dem Höhepunkt / Tod im Ausklang, vielmehr läßt Vasks den Reisenden seinen Weg in einem gleichlangen zweiten Teil fortsetzen. Iveta Apkalna verstand es, nicht nur die dramatische Grenze herauszustellen, sondern dem ganzen Werk eine erzählerische Tiefe zu geben und damit zu berühren.

Wie schon in den Stücken zuvor hatte auch Bachs »Pièce« einen strömenden, strahlenden Duktus inne, und mit der abschließenden Legende »Der Heilige Franziskus von Paula auf den Wogen schreitend« von Franz Liszt reichte das Programm sogar noch bis zum Jubilar Max Reger, in dessen Orgelbearbeitung das ursprüngliche Klavierwerk erklang. Noch einmal ein Stück also, das Themen wie das Schreiten und die Meereswogen aufgriff – plein jeu.

Dem Programm hatte bis dahin nur ein ruhigeres Stück gefehlt, was die Organistin aber durch wohlgesetzte Pausen zwischen den Werken ausglich. In Ruhe klang der Abend dennoch aus, mit Johann Sebastian Bachs Bearbeitung BWV 645 »Wachet auf, ruft uns die Stimme« aus den »Schübler-Chorälen« als Zugabe.

28. Juli 2016, Wolfram Quellmalz

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