Die (nicht mehr ganz so) Lange Nacht in Moritzburg

Akademiepreis des Moritzburg Festivals vergeben

Schon immer hat das Moritzburg Festival junge Musikertalente aufgenommen und in die Reihen der erfahrenen Kollegen integriert. Vor zehn Jahren dann wurde die Moritzburg Akademie ins Leben gerufen, in der – abhängig vom jeweiligen Programm – jeweils um die 40 Musikerinnen und Musiker zwei intensive Wochen verleben, Orchesterwerke für die Festivaleröffnung erlernen und in verschiedenen Ensembleformationen Kammermusikwerke spielen. Traditionell ist mittlerweile die »Lange Nacht der Kammermusik« am Donnerstag der ersten Festivalwoche und die Vergabe des Preises des Moritzburg Festivals.

»Lange Nacht« bedeute in den Vorjahren jeweils über vier Stunden Programm, so daß jeweils bis kurz nach elf Uhr abends gespielt wurde. Inklusive des Auszählens der Stimmen und der Preisübergabe wurde es also wirklich spät. Doch wer wollte schon darauf verzichten, die Preisträger gleich vor Ort zu erfahren? In diesem Jahr hat man sich dennoch für ein schlankeres Konzept entschieden, damit aber auch überrascht – keine Bläser. Während im letzten Jahr noch acht Holz- und drei Blechbläser auftraten, dazu eine Harfe, konzentrierte sich die »Lange Nacht« diesmal auf 23 Streicher und einen Pianisten (Vorjahr: 35 Musiker insgesamt). Mit zwölf Werken (statt vierzehn), von denen mit einer Ausnahme jeweils nur ein Satz gespielt wurde, und nur einer Pause war der Abend etwa eine Stunde kürzer, aber dennoch war ein langer.

Die Bläser gingen der Akademie übrigens nicht verloren. Im Gegenteil sind sie – gerade im Blech – so zahlreich vertreten wie noch nie. Allerdings traten sie nur in den Orchesterwerken auf sowie zum Picknick in Proschwitz. Dort können sie sich naturgemäß besser entfalten – das heißt durchsetzen – als die Streicher. Daß sie vom Akademiepreis ausgeschlossen blieben, war dennoch etwas schade. So war Gioacchino Rossinis Sonate B-Dur für zwei Violinen (David Bernat, Karolina Ganczar), Violoncello (Wyndham Tsai) und Kontrabaß (Morgan Daly) der »Besetzungsexot« des Abends.

So gewagt wie in den Anfängen ist die Programmzusammenstellung nicht mehr. Moderne oder gar zeitgenössische Komponisten sind für jeden Musikstudenten wichtig, im Vorjahr noch fanden zumindest »gemäßigte« Werke Jean Françaix‘, Béla Bartóks und Darius Milhauds ins Programm. Am gestrigen Abend markierten Samuel Barber und Dmitri Schostakowitsch den Schlußpunkt der Entwicklung – auch das ist ein wenig schade, denn gerade das Moritzburger Publikum verkraftet sicher mehr und votiert nicht nur nach Gefälligkeit. (Alternativ schlage ich neben dem Publikumspreis einen der Kritiker vor. Man sollte meinen, daß die sich von Natur aus für »sperrige« Werke begeistern könnten.)

Gespielt wurde wieder einmal hinreißend. Unverändert blieb, daß manche der Musiker in unterschiedlichen Formationen auftauchten. Samuel Choi war zunächst als zweiter Geiger in Alexander Borodins zündendem Streichquartett Nr. 2 beteiligt, gleich darauf durfte er sich mit anderen Kollegen und als Primarius an Mozart (Dissonanzenquartett) wagen. Tom Yaron strahlte schon bei Barbers Streichquartett Opus 11 (außerdem Aušrinė Razgutė, Manuel Friedrich Dörsch und Barbara Warchalewska) Führungsqualitäten aus, zusammen mit Abigél Králik, Franziska Luisa Hodde und Barbara Warchalewska begeisterte er mit dem Derwischtanz des dritten Satzes aus Dmitri Schostakowitschs drittem Streichquartett das Publikum. Dafür gab es schließlich den ersten Preis.

Mit einer Ausnahme handelte es sich bei den ausgewählten Sätze um schnelle, meist war es der Kopfsatz eines Werkes. Nur in Mozarts Divertimento KV 136 wich man hier mit dem Andante ab. Magdalena Langemann und Katarina Mrvić (Violinen), Xiaoti Guo (Viola) sowie Tiberius C. F. Penter und Catrin Dowd (Violoncello) versenkten sich in ein inniges Miteinander der Stimmen und fügten sich selbst in der Baßbegleitung harmonisch – bezaubernd, auch wenn sie dafür keinen Preis erhielten! Nicht nur bei ihnen hätte man sich gewünscht, daß nach diesem Satz noch die anderen folgten.

Preise gab es außerdem für Larissa Cidlinsky und Aušrinė Razgutė (Violinen), Janeks Niklavičs und Manuel Friedrich Dörsch (Violen) sowie Wolf Hassinger (Violoncello), die mit Mendelssohns Opus 87 Platz zwei in der Publikumsgunst einnahmen. Sie hatten – wie tags zuvor die erfahrenen Kollegen in Mozarts Quintett KV 174 – erste Violine und erste Viola gegenübergesetzt und nicht nur die jeweiligen Themen herausgestellt, sondern zudem Licht und Schatten der Motive feinfühlig gezeichnet, arbeiteten aber auch den inneren Verbund der Stimmen mit leichter Hand heraus. Mit Verve und innerem Glühen spielten Dylan Kennedy und Alice Ivy-Pemberton (Violinen), Xiaoti Guo und Janeks Niklavičs (Violen) sowie Wyndham Tsai (Violoncello) Antonín Dvořáks Allegro aus Opus 97 – Platz drei.

Mit der Preisvergabe ging erneut ein langer, schöner Abend zu Ende, doch damit sei es nicht genug, denn der Preis ist ein kleiner Mosaikstein auf dem Weg der Akademisten, deren Ziel es ist, einmal als Berufsmusiker zu bestehen. Insofern sollen hier die jüngsten Erfolge der früheren Akademiemitglieder nicht unberücksichtigt sein: Noah Bendix-Balgley hatte von 2011 bis 2015 die Konzertmeisterstelle beim Pittsburgh Symphony Orchestra inne, mittlerweile begleitet er die gleiche Position bei den Berliner Philharmonikern. Nikki Choi ist ein weltweit erfolgreicher Solist und seit diesem Jahr ebenfalls Konzertmeister – beim Orchester der Metropolitan Opera New York. Und die Saxophonistin Asya Fateyeva (Solistin, Dozentin und Mitglied des Alliage-Quintetts) erhält in diesem Jahr einen »Echo Klassik« als Nachwuchskünstlerin des Jahres.

12. August 2016, Wolfram Quellmalz

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