Die Schönheit der Struktur

Klavierkonzert mit Peter Rösel in der Stadtkirche Dohna

Als 17. Konzert des Festivals Sandstein und Musik stand am Sonntagnachmittag ein Klavierrezital mit dem Dresdner Pianisten Peter Rösel auf dem Programm. Rösel gehört zu den Magneten, seine Konzerte sorgen stets für ein volles Haus. Mit »Rasante Rondos und stachelige Schönheiten« hatte der Veranstalter das Programm übertitelt, das musikalische Strukturen, mitreißende Melodien und ausschweifende Klangfarben offenbarte.

Die Sonaten Wolfgang Amadeus Mozarts sind stark an Strukturen wie die Sonatenhauptsatzform angelehnt, ohne darin jedoch eingezwängt wie in ein Korsett zu sein – einzigartig sind bis heute die musikalischen Einfälle und die Raffinesse der Verarbeitung. Peter Rösel, der sich immer wieder dezidiert mit dem Wiener Klassiker auseinandergesetzt hat, überzeugte vom ersten Takt an mit hohem Artikulationsvermögen und feiner Phrasierung. So geriet die Sonate KV 576 (»Jagd-Sonate«) auch nicht zur wilden Hetzerei mit Donnerbüchsen, sondern leicht, geschwind wie ein Glasperlenspiel.

Phantasie KV 475 und Sonate 457 sind Schwesterwerke, die der Pianist zusammenfaßte und dabei aufzeigte, daß Mozarts Einfallsreichtum weit über die Melodie und die Verarbeitung des Motives hinausgeht. Mit dramatischen Akkordschlägen scheint er auf Beethoven vorauszuweisen, mit kleinen Änderungen wandelt er die Schattierung, führt zum Kippen der Stimmung (was später Schubert zur Vollendung brachte). Peter Rösel legte auf die dramaturgische Ausgestaltung wert, auf das Wechselspiel von Gesang und Begleitung, auf Präzision. Er überspitzte nicht die düsteren, dramatischen Farben, sondern sorgte – gerade in der Phantasie, welche befreiter klingen soll als eine Sonate – für ein graziles und bedächtiges musikalisches Fließen.

Nach der Pause folgten zunächst Johannes Brahms‘ Rhapsodien in h-Moll und g-Moll. Ihnen pflanzte der Komponist zwar ebenfalls aus der Sonate bekannte Strukturen ein, doch gewinnen hier Farben und virtuoser Rausch leicht die Überhand – soll sich der Pianist bzw. (Brahms an Clara Schumann) die Pianistin austoben dürfen. Zwischen brillanter Rasanz und stacheliger Schönheit gab Peter Rösel den beiden Werken vor allem eine emphatische Flut mit. Während er in h-Moll noch mit beinahe metallischer Härte antrieb, eruptiv tobte, war die Rhapsodie in g-Moll deutlich fließender, schmeichelnder, ein wenig keck – so wie Brahms seine eigenen Werke oft in Briefen kommentierte.

Auf dieses Stürmen folgte die Eleganz des Salons mit Carl Maria von Webers »Aufforderung zum Tanz« (von dessen doppelbödigem Ende sich das Publikum auch diesmal wieder in die Falle locken ließ) und seinem »Rondeau brillante«.

Das Jahresprogramm des Festivals ist mit »Klingende Elbe – von Böhmen nach Hamburg« überschrieben. In diesem Sinne grüßte Peter Rösel mit zwei Zugaben noch einmal die Elbe hinauf: Mendelssohns »Lied ohne Worte« Opus 19 Nr. 1 sowie Johannes Brahms‘ Klavierwalzer As-Dur.

Begonnen hatte der Abend – wie üblich bei »Sandstein und Musik« – mit einem Vorprogramm der Musikschule Sächsische Schweiz. Deren Streicher und der junge Pianist Maximilian Gräfe spielten unter Wolfgang Behrends Leitung zwei Sätze aus Johann Sebastian Bachs Klavierkonzert f-Moll (BWV 1056). Die Tradition dieser Einleitung soll im kommenden Jahr fortbestehen, wofür neben Sponsoren und Spendern (bei den Konzerten wurden in den letzten Jahren circa 50.000 Euro gesammelt!) vor allem ehrenamtliche Helfer und der künstlerische Leiter Ludwig Güttler sorgen werden. Im 25. Jahrgang wird das Programm dann ab März 2017 in circa 30 Konzerten »Zu den Wurzeln« finden, ebenso an die Anfänge erinnern wie auch neues bereithalten.

29. August 2016, Wolfram Quellmalz

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