Bach als Spätromantiker

Burkhard Rüger spielte Bearbeitungen Karl Straubes

Die Person Karl Straubes (1873 bis 1950) polarisiert bis heute, aus vielen Gründen. Sieht man allein auf sein musikalisches Wirken, bleibt festzustellen, daß der vor allem in Leipzig tätige Organist Verständnis, Wissenschaft und Literatur zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts prägend beeinflußt hat. Er setzte sich mit seinem Zeitgenossen Max Reger ebenso auseinander wie mit den »Alten Meistern« der Bach- und der Vor-Bach-Zeit. Stehengeblieben ist er dabei nicht, wovon einerseits sein Wandel in der Auffassung der überlieferten Werke wie auch seine Hinwendung zu neuen Kompositionen zeugt. Hinsichtlich der Werke Bachs (und anderer) war Karl Straube zunächst dem spätromantischen Interpretationsstil seiner Zeit verhaftet, später rückte er beständig davon ab und versuchte, sich dem barocken Klangbild wieder zu nähern – ein Wandel, der sich auch in seinen Ausgaben der »Alten Meister« von 1904 und 1929 niedergeschlagen hat. Straubes Wirken erwies sich als prägend und ist – über seine Schüler- und Enkelschülergeneration hinaus – bis heute spürbar.

Im Rahmen des Bachfestes Dresden konnte man dieses Wirken, statt ihm nur theoretisch zu begegnen, wieder einmal praktisch erfahren. An der restaurierten Jehmlich-Orgel der Christuskirche Strehlen spielte Kantor Burkhard Rüger am Sonnabend Werke gemäß der spätromantischen Auffassung, also aus jener Zeit, in der das Instrument 1905 gebaut worden war.

Das Konzert erschloß den Zuhörern sehr ungewohnte Klangwelten. Karl Straube hatte – vielleicht vergleichbar den Bearbeitungen Ferruccio Busonis auf dem Klavier – versucht, Werken der Renaissance- und Barockzeit auf den modernen Instrumenten, welche die Komponisten nicht vorausahnen konnten, zu neuer Entfaltung zu verhelfen. Präludium und Fuge BWV 544 erklangen süß, samtig, in den Übergängen wie von Ferne, dann wieder gedämpft, schwebend. Auch im Verhältnis zwischen Melodie und Baß hieß es sich umzugewöhnen. An diesem Abend ergab sich oft ein Höreindruck des »als ob«. Als ob der Klang aus der Ferne, dem verborgenen käme, gedämpft sei. Das tat durchaus wohl, einen übermächtigen Orgeldonner bekam man hier nicht zu hören, alles schien weicher, matter, schimmernder. Am ohrenfälligsten sicher in Bachs Passacaglia BWV 582, die jeder Orgelfreund ganz anders kennt und so unmittelbar vergleichen konnte.

Vielleicht wäre es (noch) schöner gewesen, wäre der direkten Vergleich der unterschiedlichen Interpretationen eines Werkes möglich gewesen, doch war das Eintauchen in die spätromantische Klangwelt allein schon vollkommen ungewohnt, wie Dieterich Buxtehudes dem etwas verträumten Ansatz folgende Passacaglia BuxWV 161. Bemerkenswert war, daß Burkhard Rüger es mit der »Weichzeichnerei« nicht übertrieb und keinen süßlichen »Klangbrei« anrichtete, in der Wahl der Tempi gemäßigt blieb.

Ob das nun besser ist? Eine schöne Alternative offenbarte das Konzert allemal, aber auch, daß die Werke in heutigen Interpretationen mehr Klarheit und Bestimmtheit erfahren.

25. September 2016, Wolfram Quellmalz

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