»Seelentöne« im Palais im Großen Garten

Berliner Gambenbuch wurde beim Heinrich Schütz Musikfest in Dresden aufgeschlagen

In Tabulaturschrift haben verschiedene Autoren im 16. und 17. Jahrhundert Gambenmusik gesammelt und notiert. Ursprünglich war das Notenbüchlein wohl im Brandenburgischen zu Hause. Darin enthalten sind Stücke aus allen (für die Gambe) wichtigen Regionen Europas, auch Bearbeitungen. Viele enthalten Choräle – man vermutet, daß die Werke für den Rahmen einer privaten Andacht vorgesehen waren und wahlweise mit oder ohne Gesang (oder beides) aufgeführt wurden.

Das Heinrich Schütz Musikfest machte während seines Besuches in Dresden auch im Palais im Großen Garten innerhalb der Konzertreihe »Offenes Palais« Station. Am Dienstag gab es dort zweimal (nachmittags und abends) im vollbesetzten »Weißen Saal« »Seelentöne« zu hören. Der Konzerttitel spielte gleichermaßen auf den Gesang der Gambe wie auf die Choräle an. Während die Gamben gerade im Vergleich mit den brillanteren, klareren und auch kräftigeren Violinen kleiner, intimer und beseelter klingen, auch in der Stimmung oft melancholischer, lag die vielleicht größte Besonderheit der aufgeführten Stücke darin, daß es sich um Suiten, also eine ursprünglich dem musikalischen Vergnügen gewidmete Werkform handelte, die jedoch Choräle enthielten.

So präsentierten sich Kai Rotherberg (Tenor) und Juliane Laake (Viola da gamba) als Sänger, welche teilweise nacheinander die gleichen Choräle darboten. Begleitet wurden sie von Klaus Eichhorn (Truhenorgel) und Magnus Andersson, wobei letzterer auf seiner Laute ebenso viele der Suitensätze spielte. Der intime Charakter einer privaten Andacht blieb nicht nur durch den äußeren Rahmen, sondern gerade durch viele solistisch vorgetragene Sätze gewahrt. Dabei gab es manches bekannte neu zu entdeckten, wie den Choral »Jesu meine Freude«. Durch Kai Rotherberg vorgetragen, der die Kraft seiner Stimme für Ausdrucks- und nicht Lautstärke einzusetzen wußte, bekam er noch einmal eine ganz besondere Intensität. Harmonisch ergänzt wurde er in seiner Eindringlichkeit durch Juliane Laake, während Magnus Anderssons Sätze von einer berückenden Leichtigkeit und geistvollen Lebendigkeit getragen wurden. Mit seinem Instrument konnte er – da theorbiert – gleichermaßen Liedmelodie spielen wie die Baßbegleitung zupfen – eindrucksvoll!

Nur in einigen Sätzen spielte das Ensemble also in der Gruppe zusammen, dann aber um so prachtvoller, vor allem nach der Pause, als Viola (gezupft) und Laute als gleichwertiges Duo auftraten.

Das Quartett spielte altes neu – viele der Suitensätze waren den Hörern unbekannte, wunderschöne Sarabanden, Allemanden und ähnliche Tänze, dennoch gelang durch die Choräle immer wieder ein Rück- und Jetztbezug. In der Tat beseelte Werke!

12. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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