Festkonzert des Heinrich Schütz Musikfestes

Christina Pluhar, L’Arpeggiata und Vincenzo Capezzuto im Kleinen Haus

Verfolgt man die Geschichte der klassischen Musik zurück, stellt man fest, daß es zwar lokale, regionale und nationale Besonderheiten, Stile oder »Schulen« gegeben hat, diese aber schon immer im Austausch gestanden haben. Das betrifft nicht nur benachbarte europäische Länder, sondern umschloß schon frühzeitig all jene Regionen, die durch Handel oder kulturell verbunden waren. Ob Maler, Köche oder Komponisten – Künstler haben sich offen gezeigt zu für fremde Einflüsse, diese als Anregungen aufgenommen, verarbeitet und integriert. Dieses Selbstverständnis besteht bis in unsere Zeit, denn »Musik braucht und pflegt wie jede Kunst den internationalen Austausch – im Barock wie in der Gegenwart«, erinnerte Kunstministerin Dr. Eva-Maria Stange in ihrer Festrede. Das Heinrich Schütz Musikfest steht seit seinen Anfängen ganz im Zeichen dieses Austauschs und dieser Pflege, weshalb es die Ministerin als »Botschafter für die ungemein reiche Kultur Mitteldeutschlands, die auch international ausstrahlt« lobte.

Und so war es nicht verwunderlich, daß auch das zweite Konzert des Musikfestes nach den »Babylonischen Träumen« am Sonnabend in der Yenidze diesem Austausch nachspürte. Dabei berührten sich nicht nur Regionen, sondern auch die Zeiten. Denn die Entstehungsgeschichte der Werke reicht unterschiedlich weit zurück und bezieht die Überlieferung mit ein. Wie der Programmtitel »La Tarantella« vermuten ließ, lag ein Schwerpunkt in den Wurzeln der südeuropäischen Volksmusik, vor allem aus den Regionen Italiens.

L’Arpeggiata sind ein Phänomen, und Phänomene ziehen an. Mancher Besucher war zuvor schon bei den Konzerten der Residenzkünstler in Gera (Freitag) und Weißenfels (Sonnabend) gewesen, wo das Ensemble von Christina Pluhar bereits mit verschiedenen Programmen und Solisten auf der Bühne gestanden hatte. In Dresden waren Vincenzo Capezzuto und Fiorenza Calogero sowie die Tänzerin Anna Dego mit dabei.

Auch das kennzeichnet L’Arpeggiata: die Solisten werden als »Sänger« angekündigt, eine klare Stimmzuordnung wie sonst gewohnt ist da gar nicht vordergründig. Für Vincenzo Capezzuto findet man zwar hier und da die Bezeichnung »Altus«, doch wie man sich wieder einmal überzeugen konnte, charakterisiert eine solche Benennung nur unzureichend. Capezzuto, der einen Großteil des Abends bestritt, betört mit einer ungemein weichen, verführerischen Stimme, die deutlich heller klang als die feurige seiner Kollegin Fiorenza Calogero.

Feurig und geradezu wild war Anna Degos Tanz, der sich nicht am klassischen Ballett, sondern dem südlichen Theater orientiert. Eine klare Sprache in Wort oder Geste gehörte zum Programm und fand in Vincenzo Capezzuto, der ebenfalls ausgebildeter Tänzer ist, eine Entsprechung. Auch die »Mischung« aus L’Arpeggiata-Hymnen wie »Stu criatu« oder »La Carpinese«, Improvisationen und Soloeinlagen stimmte.

Das L’Arpeggiata-Ensemble um Christina Pluhar gestaltete mit Laute, Cembalo, Psalterion, Baß, Gitarre und diversen Trommeln höchst unterschiedliche musikalische Gewohnheiten und Fremdheiten, arbeitet aber auch mit Licht und Theatereffekten – vieles ist eingeübt und Show, ein wenig schade, denn mitunter geht dabei die Spontanität verloren – trotz Improvisationen. (Den Zinkisten im »Gangsterlook« mit Sonnenbrille kannte man schon aus anderen Konzerten.) Diese Effektfülle riss das Publikum dennoch mit. So waren schließlich drei Zugaben nötig, um ein festliches Ende zu finden.

10. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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