Nachsinnen und Nachtgedanken

Elke Heidenreich und das Calmus Ensemble in der Frauenkirche

Nächtliche Ruhe und tiefer Sinn stellten sich am Sonnabendabend schnell ein in der Frauenkirche. Das Calmus Ensemble, derzeit mit Isabel Jantschek in Schwangerschaftsvertretung für Anja Lipfert, drang gleich im ersten Stück, Christian Lahusens »Komm, Trost der Welt«, noch von der Empore gesungen, zum Kern der Texte vor, reduzierte Gesang auf den inneren Gehalt der Musik und stellte eine sublime Atmosphäre nächtlichen Sinnens her. Joseph von Eichendorffs Text sollte später noch einmal in einer Vertonung Hugo Wolfs erklingen, das Programm wandelte sonst in den Jahren des Überganges zwischen Romantik und Moderne, von Brahms zu Distler und Reger. Johann Sebastian Bachs Motette »Jesu, meine Freude« schien da ein wenig fremd und wollte sich auch musikalisch nicht ganz einfügen. Das geistliche Werk zerfiel hier und da auch ein wenig durch Pausen (wie im Chor Nr. 10 vor »um des willen«), die zu beabsichtigt klangen.

Die Lieder wurden jedoch von den ihnen innewohnenden Gedanken getragen. Ob polyphone Harmonie oder in Takten und Oktaven versetzte Stimmen – das Calmus Ensemble vermied Überdeutlichkeit, hielt eine schwebende Stimmung, die von Reinheit geprägt war und von Ruhe. Dazu paßte, daß das Quintett nach der Pause den entfernt zu hörenden Glockenschlag der Frauenkirche abwartete. Um so störender wirkte die elektronisch verstärkte Musik zur Unterhaltung draußen – warum so laut, warum so nah am Gotteshaus?

Elke Heidenreich steuerte mit ihren Texten eine ganz persönliche Sichtweise des Themas bei. Manches waren am Tage formulierte Gedanken zur Nacht, anderes entsprach jenen Eingebungen, Traumfetzen und Schimären, die uns des Nachts erreichen, wie Max Herrmann-Neißes »Nacht in der Emigration«. »Ihren« Goethe offenbarte Elke Heidenreich in »Willkommen und Abschied«. Hier mag man expressivere Deklamationen kennen (und denken) – Elke Heidenreich erwies sich als im Herzen mit dem Dichter verbunden.

Nachts suchen uns Ängste heim, nachts öffnen wir uns für intimste Geständnisse. Dennoch scheint Gefahr und Mißtrauen damit verbunden. Man spricht von »Geistig umnachtet«, wenn sich Gedanken oder Sinne verwirren. Elke Heidenreich erinnerte auch an den Nachtgedanken besonders zugewandte Dichterinnen wie Sappho, Virginia Woolf oder Sylvia Plath – sie alle setzen ihrem Leben selbst ein Ende.

Das Calmus Ensemble füllte den Kirchenraum mit Atmosphäre, ohne den Eindruck von Kraft oder Macht zu erwecken. Auch in der derzeit leicht geänderten Besetzung blieb das Quintett in sich geschlossen, nur ein wenig ragte Isabel Jantschek manchmal hörbar aus dem homogenen Gefüge heraus. So vertieften sich Worte und Musik über Ängste, Krankheit und Tod, an entfernte Menschen, sinnierte Marcel Proust in der Selbstreflexion über das Einschlafen und schließlich spürte Hugo Distler dem Trost, den Engeln, der Not und dem falschen Schein aus Heinrich von Laufenbergs »Ich wollt, daß ich daheime wär« nach.

16. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s