Zeit-Momente mit Marco Beasley

Heinrich Schütz Musikfest zu Gast im Mathematisch-Physikalischen Salon

Das Konzert mit Marco Beasley am Freitagabend hatte die Zeit als thematischen Hintergrund, jedoch faßte schon der Programmtitel »La clessidra« (Die Sanduhr) diesen weiter und öffnete den Sinn für Übertragungen. Denn es ging keineswegs nur um eine musikalische Widerspiegelung der im Salon ausgestellten Zeitmesser, sondern ebenso um das Verrinnen von Lebenszeit und den Wandel der Dinge wie um die Bedeutung des Momentes, des Augenblicks, des (scheinbaren) Stillstandes.

Der italienische Tenor und seine beiden Begleiter Stefano Rocco (Theorbe und Barockgitarre) und Fabio Accurso (Laute) hielten in Liedern des 16. und 17. Jahrhunderts Momente der Liebe, der Heimlichkeiten und des Seitensprunges, aber auch des Liebesverlustes und des Todes gefangen. Der Orpheus-Mythos war in diesen musikalischen Momenten ebenso eingeschlossen wie neckische, spöttische Verse, wie man sie sich im damaligen Volkstheater vorgetragen vorstellen kann. Auch in den eingeschobenen instrumentalen Werken (eine Chiacona Francesco Corbettas, Tarantella-Bearbeitungen Athansaius Kirchers sowie Variationen über eine Passacaglia Barbara Strozzi, die Fabio Accurso für das Programm geschrieben hatte) der beiden Lautenisten verband sich die artifizielle Musik der gerade aufkommenden Oper mit der Tradition des italienischen Volksliedes – immer wieder rückten die Spielarten der Tarantella in den Fokus. Beides konnte eindrucksvoll verschmelzen, wie in Giulio Cacchinis »Occhi immortali« (Unsterbliche Augen), welches die drei Musiker über die Strophen in der dramatischen Ausgestaltung stetig steigerten.

Marco Beasleys Stimme ist – ähnlich wie die seines wenige Tage zuvor gehörten Kollegen Vincenzo Capezzuto, mit dem er oft im L’Arpeggiata-Ensemble auftritt – nicht eindeutig zuordenbar, denn er verbindet tenorale Stimmlage mit traditionellem Liedgesang ebenso, wie er gleitend ins Falsett ausweicht. Das macht süchtig, warnte schon das Programmheft. Marco Beasley bannte sein Publikum mühelos den ganzen Abend lang, auch deshalb, weil er stets eine Natürlichkeit der Stimme bewahrt. Manchmal ließen die drei Musiker Werke ineinander übergehen, was vor allem dann, als es um die Anbahnung eines heimlichen, verbotenen Stelldicheins (Adriano Willaert »Ach Liebster, sei gefällig und komm…«) und das anschließende Heimkehren der jugendlichen »Sünderin« ging (Severino Corneti »…da meine Mutter mich wird bestrafen!«) sinnig war. Musikalisch war es ebenso naheliegend, nicht nach jedem der Lieder zu pausieren wie etwa in einem Schubert-Zyklus. Etwas viel und wohl nicht für alle verständlich waren die (englischen) Erklärungen des Sängers zu Inhalt, Herkunft und Hintergründigkeit der Lieder.

Dr. Peter Plaßmeyer hatte vor der Pause die Brücke zum umgebenden Salon, seiner Bedeutung und den Objekten geschlagen, Marco Beasley, Stefano Rocco und Fabio Accurso wiesen darauf hin, daß »il tempo« nicht allein den Lebenspuls vorgibt – in den meisten Liedern ging es um die Liebe, und wenn Emilio de‘ Cavalieri »Il tempo« vertonte, welches »Die Zeit, die entflieht…« beginnt, so meinte er damit weniger Maß oder Flüchtigkeit als den Antrieb des »Carpe diems«.

16. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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