1. Aufführungsabend des Tonkünstlerverseins der Sächsischen Staatskapelle

Beethovens Violinkonzert mit Matthias Wollong

Der Solist des ersten Aufführungsabends in dieser Saison kam wieder einmal aus den eigenen Reihen der Sächsischen Staatskapelle – Matthias Wollong ist dort seit 1999 Erster Konzertmeister, am Montagabend führte er einmal nicht die Kollegen an, sondern stand ihnen als Solist in Beethovens Violinkonzert gegenüber. Mit Lorenzo Viotti leitete ein ebenso junger wie bereits erfahrener Dirigent das Orchester – nicht nur Preise hat er gewonnen, sondern auch schon vor Klangkörpern wie dem Gewandhausorchester, den Bamberger Symphonikern und dem Orchestre National de Paris gestanden. Nun also Dresden.

Natürlich kann man voraussetzen, daß sich Kapellmitglieder untereinander kennen, erst recht, wenn es sich um einen der Ersten Konzertmeister handelt. Und dennoch hat das Erleben dieser Symbiose nichts mit dem Erfüllen von Erwartung zu tun, sondern überrascht, berührt, geht unter die Haut – dort, wo man fühlt und nicht denkt oder Erwartungslisten abhakt. Den Kontakt zum Orchester, den gemeinsamen Ton, nahm Matthias Wollong – unter den Augen des im Proszenium sitzenden Christian Thielemann – schon in der Tuttibegleitung der Einleitung auf, aus der sich die Solostimme mit dem ersten Einsatz erhob und Beethovens solitäres Konzert feinfühlig und lyrisch nachzeichnete. Es war gerade dieses Ebenmaß, der wahrhaft symphonisch gewobene Gleichklang der Musiker, der Kantilenen und Kadenzen (erster Satz: Joseph Joachim, dritter Satz: eigene Kadenz) erblühen ließ. Dieses Atmen und Singen kann auf Ausbrüche und eigensinnige Kanten verzichten, verdichtet sich dafür, gibt dem Orchester Raum für Betonungen, so daß man einzelne Solisten heraushören und Schärfungen wahrnehmen kann, ohne daß man sich »ins Ohr schneidet«. In diesem kammermusikalischen Verständnis rückte Matthias Wollong den zweiten Satz in die Nähe eines Sonaten-Larghettos oder Liedes.

Die Reichhaltigkeit der Ideen wurde durch die Musiker der Sächsischen Staatskapelle getragen, fein gebündelt durch Lorenzo Viotti, immer wieder schienen die Farbtupfer von Soli auf. Daß hier keine Beethoven’sche Revolutionsstimmung erzwungen wurde, keine Überreiztheit oder mit spitzfindigen Kadenzen das Publikum gefoppt, war um so wohltuender, da sich musikalische Motive entdecken ließen – und was wollte man lieber, als in einem Konzert (bei einem bekannten Stück!) entdecken und sich begeistern lassen? So konnte man sich auch im Rondeau des dritten Satzes am Dialog mit dem Cello ergötzen, während die Hörner an die versteckte Jagdatmosphäre erinnerten, ohne ein übergroßes »Trara!« anzustimmen.

Was wäre nach Beethoven noch zu sagen? Die Antwort fällt schwer und erfordert auf jeden Fall eine Pause. Ernest Chaussons Sinfonie B-Dur konnte gleichwohl die Spannung des Anfanges nicht halten, zu sehr entbehrt das Werk Eigenständigkeit in der Form und in den Ideen. Während der erste Satz noch unterhalten, rhythmisch und spätromantisch daherkommt, wohnt dem Stück ab dem zweiten Satz eine ausgeprägte Wagner-Harmonik inne. Gerade im Kontrast mit Beethoven fiel ein Mangel an Eigenständigkeit auf bzw. der Charakter eines »nachgeschöpften« Werkes.

Lorenzo Viotti ließ der Sinfonie jedoch die ernsthafte Auseinandersetzung widerfahren, die jedes Werk verdient, das zur Aufführung kommt. Daß das Orchester in Wagners Klangwelten heimisch ist, tat dem ganzen sicher wohl, vor allem in der atmosphärischen Dichte des erlebten. Was nachhaltig beeindrucken wird, war jedoch die Wiedergabe des berühmten Opus 61 vor der Pause.

18. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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