Schwacher Anfang, starker Schluß

Haydn Philharmonie und Nicolas Altstaedt gastieren in der Dresdner Frauenkirche

Erst in diesem Jahr hat die Haydn Philharmonie den prägenden Namensvorsatz »Österreichisch-Ungarische« abgelegt, obwohl dieser doch musikalisch sinnig ist und nicht nur auf Haydn hinweist, sondern die Verankerung von Komponist, Region und musikalischer Epoche in sich trägt. Vergangene Zeiten – können wir im von Marketingglättungen standardisierten Heute solche Feinheiten nicht mehr wahrnehmen? Sind wir überfordert und vermuten am Ende hinter »Wiener Klassik« eine unziemliche nationale Fokussierung, die ausgrenzt, trennt?

Merkwürdig war auch der Eindruck zu Beginn des Konzertes. Nicolas Altstaedt war nicht nur der Solist des Abends, sondern ist seit 2015 Leiter der Haydn Philharmonie. Man kennt diese Doppelrolle von Pianisten und Violinisten, bei einem Cellisten, der dem Orchester immer dann den Rücken zukehrt, wenn er spielt, ist es schon gewöhnungsbedürftig – was aber noch keine Wertung oder gar Ablehnung bedeutet. Was ihn jedoch bewogen hat, gemeinsam mit Michael Watermann Robert Schumanns Cellokonzert für Solist und Streichorchester einzurichten, bleibt schleierhaft, zumal die Haydn Philharmonie über Bläser verfügt – sehr gute, wie sich noch zeigen sollte. Während bei Bearbeitungen wie jenen der Klavierkonzerte Frédéric Chopins (Richard Hofmann) der Orchestercharakter im wesentlichen erhalten bleibt und »nur« ein paar Bläsersoli fehlen, bekommt Robert Schumanns Werk eine vollkommen neue Gestalt. Und die offenbarte vor allem eines: Verluste. Verlust an dialogischen Szenen, an symphonischen Gehalt, an markanten Orchesterpassagen. Dies fiel gerade im Kirchenraum auf, wo es erfahrungsgemäß mehr hallt als in einem Konzertsaal. Das Konzert begann mit ungewollten Schwebungen, schien zu schwimmen, unbestimmt zu sein. Wie gut, daß sich ein Cello recht gut durchsetzen kann und nicht auch noch der Solist im Orchestereinmalseins »verschwand«. Das Duo mit dem Stimmführer der Cellisten im zweiten Satz und die Pizzicati vor dem Finale waren Lichtblicke in dieser verstümmelten Darbietung, mehr leider nicht.

Und dann – welch Wandel. Vor und nach der Pause erklangen die beiden Sinfonien C-Dur Hob 1:27 und B-Dur Hob 1:107 Joseph Haydns und brachten dem Publikum nicht nur die zuvor schmerzlich vermißten Bläser – sie hatten Puls, Lebendigkeit und Fluß, was Schumann vollkommen fehlte. Herrlich – diese Hörner! Hier stimmte das Maß, das kecke Spiel der Gegensätze, und selbst die langsamen Mittelsätze verloren um kein Jota von ihrem wiegenden Charakter, behielten ein grundsätzliches Vorwärtsdrängen bei. Mit einem aus den Ecksätzen abgeleiteten tänzerischen Schwung bargen sie viel Sinn – ruhiges Sinnen statt matter Beruhigung.

Und noch einmal legten Altstaedt und das Orchester zu. In Haydns erstem Cellokonzert ließ der Solist sein Instrument klingen und rufen, ohne unangemessen zu dominieren. Dem Schwung der Virtuosität setzten die Musiker leise, fast zarte Töne gegenüber, in den Solokadenzen ebenso wie in den ruhigen Orchesterpassagen. Mit Feuereifer und noch einmal herrlichen Hörnern ging das Konzert zu Ende.

23. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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