Wandelkonzert

Lisa Batiashvili und Gautier Capuçon zu Gast bei der Staatskapelle

Das vierte Sinfoniekonzert der Staatskapelle wartete mit einer überraschenden Werkfolge auf: nach dem zu Beginn stehenden Konzert für Violine, Violoncello und Orchester von Johannes Brahms folgten Peter Tschaikowskys Ouvertüre »Romeo und Julia« sowie Franz Liszts Sinfonische Dichtung »Les Préludes«. Eine innere Bindung dieses Programms ließ sich da eher konstruieren als daß sie sich sinnfällig zu ergeben schien. So nahm man das Konzert am besten als Folge dreier voneinander unabhängiger Stücke wahr.

Mit der – dem Typus nach so benannten – Ouvertüre begann erst der zweite Konzertteil, den Abend eröffnete sogleich das Doppelkonzert Opus 102 von Johannes Brahms. Es brachte Lisa Batiashvili, die Capell-Virtuosin von 2012 / 13, zurück nach Dresden, mit Gautier Capuçon an ihrer Seite. Schon hier zeigte sich – obwohl Brahms gerade keinem programmatischen Ansatz folgte – wie wandelbar die Musik des Hanseaten sein kann. Bezieht man noch dessen persönliche Beziehung zu den Uraufführungssolisten Joseph Joachim und Robert Hausmann mit ein, fällt es leicht, Charaktere in die Solostimmen zu projizieren oder das ganze Werk episodisch zu deuten. Nach dunklerem Beginn findet es schließlich zum heiteren Licht, läßt hier und da Brahms‘ Schalk aufblitzen. Lisa Batiashvili ist bekannt für einen besonders lyrischen, samtigen, romantischen Ton, doch bewies sie, daß auch ihr ein schroffer Klang gegeben sein kann. Damit folgte sie Gautier Capuçon, dem die erste Kadenz gebührt hatte – rauh, vibrierend, kehlig. Es schien, als würden sich die beiden Protagonisten aneinander reiben – und fanden darin zusammen, spielten miteinander, auch gestisch, wenn sie auf die Einsätze des jeweils anderen warteten. Violine und Cello traten hier – ganz frei von Programmatik – als Individuen auf. Es war Christian Thielemann, der dem Duo samtweiche Klänge entgegensetzte, fröhlichen Frühlingszauber zu entfesseln schien. Im Andante verschmolzen Solisten und Orchester mit herber Süße, woraus sofort das lichtflutende Vivace non troppo folgte.

Peter Tschaikowskys »Romeo und Julia« (in der 3. Fassung) beginnt mit Heiter- und Beklommenheit zugleich, zunächst ist unklar, wohin die Einwürfe der Harfe weisen: auf den erlösenden Frieden des Glücks oder auf das Wasser, in dessen Fluten sich der Lebensmüde gleich stürzen wird. Die Antwort folgt alsbald: die Bläser bereiten das Licht, hellen die Szene auf, nun darf die Harfe (vorerst) frohlocken. Der Episodenwandel setzte sich fort, die Kapelle mischte Farben, als setzte sie Smaragde und Rubine auf ziseliertes Edelmetall. Feine Bläserklänge oder con sordino webende Streicher – der bis an große Ballettmusik reichenden Klangfülle bewahrte Christian Thielemann die Klarheit.

Er führte damit vor, was Camille Saint-Saëns in bezug auf Franz Liszts Sinfonische Dichtungen den »Luxus des modernen Orchesters« genannt hatte. Im März 2014 hatten Christian Thielemann und das Orchester zuletzt mit einem arkadisch anmutenden »Orpheus« bezaubert. »Le Préludes« führte diesmal nicht nach Arkadien, gibt sich mystischer und zuweilen (wenn die Blechbläser einsetzen) auch wagnerischer. Nach geheimnisvoll flirrenden Streichern und dem Aufschimmern eines Liebesglückes führt Liszt das Werk zum siegreichen Kampf. Christian Thielemann beschwor nach reichem Klangkolorit als letztes Episodenbild den Glorienklang herauf.

12. November 2016, Wolfram Quellmalz

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