Stabat Mater im romantischen Gewand

Bachchor mit Dvořák-Vertonung in der Martin-Luther-Kirche

Das Stabat Mater, ein Klagegedicht der Mutter Jesu, ist im Mittelalter durch einen heute unbekannten Dichter entstanden und hat seitdem viele Komponisten zu Vertonungen angeregt. Giovanni Battista Pergolesi schrieb eine der berühmtesten, Marc-Antoine Charpentier, Orlando di Lasso und Johann Sebastian Bach trugen dazu bei, eine der frühesten Kompositionen, die uns überliefert ist, stammt von Josquin Desprez. Aber auch nach dem Barock hat das Gedicht die Komponisten berührt und die Musikwelt bereichert. Joseph Haydn, Franz Schubert und Luigi Boccherini befaßten sich ebenfalls damit, später Louis Théodore Gouvy, Gabriele Rheinberger und Giuseppe Verdi, im zwanzigsten Jahrhundert steuerten Francis Poulenc, Zoltán Kodály und Arvo Pärt Beiträge bei. Wolfgang Rihm und Karl Jenkins gehören zu vielen, die sich seit dem Jahr 2000 des Stoffes annahmen. Nicht zu sprechen von unzähligen weiteren Kompositionen aus allen Jahrhunderten, die es noch (wieder) zu entdecken gibt.

Der Dresdner Bachchor unter LKMD Markus Leidenberger hatte sich für seine Aufführung am Mittwoch in der Martin-Luther-Kirche Dresden-Neustadt für das Werk Antonín Dvořáks entschieden. Dessen Stabat Mater atmet nicht nur den Geist der Romantik, es verbindet solistische Strophen und solche für großen Chor mit sinfonischer Musik und ist damit ein Werk für große Aufführungen, nicht für den Gottesdienst. Es verlangt neben dem Chor ein Solistenquartett, wofür Daniela Haase (Sopran), Ewa Zeuner (Alt), Frank Blümel (Tenor) und Johannes Wollrab (Baß) gewonnen worden waren. Auch wenn man diese vier kennt und weiß, daß sie eine solche Aufführung bewerkstelligen können, ist dies noch lange keine Garantie für ein gutes Gelingen. Doch schon zu Beginn zeigten sich die Solisten als ausgewogenes Quartett und daß sie den großen Kirchenraum mit großer Intensität zu füllen wußten. Der Eindruck eines Bemüht seins oder von Kraft kam so nicht auf. Die Eindringlichkeit des Tones bekräftigte Aussagen des Textes, der die Schmerzen der Mutter beklagt oder um die Kraft bittet, ihr Leid mitzutragen.

Auf diese Ausgewogenheit konnte Markus Leidenberger vertrauen, wie im zweiten Teil (Wer ist der Mensch?), als das Quartett nach und nach einsetzte und musikalisch verschmolz. Die Bitte »Mach, daß ich trage Christi Tod« bekräftigte Daniela Haase mit noch hellerem, glasklaren Klang und bildete mit Frank Blümel ein strahlendes Duo.

Der Bachchor legte seinen anfangs noch sehr matten Schimmer bald ab und füllte die Chorpassagen mit viel Wärme aus Tragfähigkeit aus, was nicht den reinen Chorstrophen, sondern auch den Duetten mit Baß und Tenor wohltat. Die Sinfonietta Dresden wiederum bewies, daß sie nicht nur ein zuverlässiger sinfonischer Begleiter ist, sondern wirkte mit zahlreichen Soli und beeindruckenden Bläsern entscheidend am romantischen Klang Dvořáks mit.

18. November 2016, Wolfram Quellmalz

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