Im Farbenrausch

Jan Vogler und Lise de la Salle beim Meisterkonzert

Konzerte und Aufnahmen gelingen Jan Vogler immer dann besonders inspirierend, wenn er einen musikalischen Partner findet, mit dem er sich intensiv austauschen kann, der ihn aber auch »anstößt« und fordert. Lise de la Salle scheint ihm derzeit eine solche Partnerin zu sein, wie sich das Publikum im bis auf den letzten Platz der Chorempore gefüllten Konzertsaal der Musikhochschule am Montagabend überzeugen konnte.

Mit Sonaten von Claude Debussy, Ludwig van Beethoven und Sergej Rachmaninow standen drei höchst unterschiedliche Werke auf dem Programm. Lise de la Salle begann Debussys Prologue extrem perkussiv, mit zunächst an Bach erinnernden Klarheit, ließ die Musik dann frei strömen – eine mitreißende Wasserflut als treibendes impressionistisches Element. Darauf wie auf einem Floß fahrend sang Jan Voglers Cello Frage, Erwiderung und Sehnsucht. Im zweiten Satz lieferten sich die beiden ein musikalisches Schattenspiel, hier wurde deutlich, daß den intensiven, eindringlichen Passagen auch ganz besonders sanfte gegenüberstanden.

Mit seiner mittleren Cellosonate hatte Beethoven etwas neues gewagt: wie schon Mozart in seinen Violinsonaten stellte er die Begleiterrolle des Violoncellos in Frage und kehrte die Verhältnisse um – nicht das Klavier, das Cello beginnt den ersten Satz und gibt das Thema vor – ein Novum. Sanft, zart, mit dunklen Tönen zeichnete Jan Vogler eine Abenddämmerung in den Raum, aus der die Musik mit großer Lebhaftigkeit erwachte. Seine Entsprechung am Klavier gab Lise de la Salle mit erneut glasklarem, maßvollen Anschlag – die Pianistin hat ihrem großen Ausdrucksspektrum und der teilweise überbordenden Farbenflut in den letzten Jahren weitere Nuancen der feinen Artikulation zugefügt, kann mittlerweile aber auch eine berückende Sanftheit entfalten. Mit bedachter Impulsivität stoben Jan Vogler und Lise de la Salle durch das Werk, trieben sich gegenseitig an, ohne dabei die Gesangslinie zu verlieren und legten die komplexe Filigranität Beethovens offen.

Ganz anders nach der Pause dann Rachmaninow. Wann hat man ihn schon einmal so gehört? Der Komponist hat den Sätzen seiner Sonate keine einheitlichen Charaktere gegeben, sondern fügt sie aus sich ergänzenden, mitunter recht unterschiedlichen Temperamenten zusammen. So entwickelt sich auch das dichte Wechselspiel im zweiten Satz weit über ein keckes Scherzo hinaus. Jan Vogler und Lise de la Salle statteten Rachmaninows Sonate mit Klangfülle aus, woben ein komplexes Klanggebilde, umgarnten einander. Gelöst, auflebend, wie befreit stürmten sie durch das glutvolle Finale.

Mit einer Zugabe, das war zu erwarten, gab sich das Publikum danach nicht zufrieden. Erst recht nicht, wenn es zwischen Chopin und Schostakowitsch wählen soll – klare Antwort: beide! Nur die Reihenfolge hätte man umdrehen sollen, mit Chopins an ein Wiegenlied gereichendem Largo als Abschluß. So folgte diesem aber noch der vor Intensität beinahe berstende zweite Satz aus Schostakowitschs Opus 40.

Tip: Das nächste Meisterkonzert findet am 24. Februar auf Schloß Albrechtsberg statt. David Geringas (Violoncello) und Ian Fontain (Klavier), Werke: Beethoven, Brahms, Bach u. a.

13. Dezember 2016, Wolfram Quellmalz

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