Wehe, wenn er losgelassen!

Daniil Trifonov bezauberte das Publikum in der Staatsoper

Als einer der aufregendsten Pianisten seiner Generation ist Daniil Trifonov ein begehrter Gast auf den Musikpodien – ihn als Capell-Virtuosen zu verpflichten, war allein schon ein Coup der Staatskapelle. Doch auch wenn dem Pianisten bei Auftritten mit einem Orchester die Hauptrolle spielt, bleibt sein »Bild« dennoch unvollständig, auf die Rolle und ein Werk beschränkt. Klavierrezitale offenbaren da viel mehr – hier zeigt sich, wer Interpret und wer Meister ist, hier ist Gelegenheit, tiefer zu sehen und zu hören – ausverkauftes Haus und eine lange Schlange an der Abendkasse für die Hörplätze.

Kerzengerade saß der Pianist am Flügel, als er Robert Schumanns »Kinderszenen« zeichnete. Bedächtig und pittoresk ließ er die Stücke erstehen, skizzierte mit Leichtigkeit und feinem Strich. Manches verlor etwas an Spannung in dieser Bedachtsamkeit, dafür entschädigte der Pianist aber mit Poesie und feiner Nuancierung, die im leisesten noch zarte Töne und Schimmer zu unterscheiden vermochte. Und nicht nur das: Daniil Trifonov gelingt es, Schumanns subtile Schattierungen zu ergründen, wo sich andere Pianisten nur im schönen Klang verlieren. So gerieten die Stücke vielschichtig, träumten von der Ferne, hatten den Mutwillen und die Wildheit eines Kindes, – waren aber meist etwas beherrscht (so wie man sich Kinder eben wünscht: lebhaft, aber nicht zu wild).

Schumanns Toccata Opus 7 war von kontrollierter Rasanz geprägt, schien anfangs noch nicht ganz frei. Doch dann, in einer Umkehrfigur, blitzte Ambivalenz auf. Hier zeigte sich, daß Daniil Trifonovs stupende Technik nur das Mittel ist, die inneren Welten zu offenbaren. Mit der entfachten Lebhaftigkeit stürzte sich der Pianist auf die Figuren der »Kreisleriana«, die er unentwegt antrieb, als wäre er der Zauberlehrling, der sich an der eigenen Kunst berauscht und nicht genug bekommen kann. Schiere Berserkerei war dies dennoch nicht. Daniil Trifonov blieb dabei, den verrätselten, verschlüsselten Gedanken zu folgen, Charakterstudien zu entwerfen und immer neu zu übermalen, spukhafte Schattenbilder zu entwerfen.

Vollkommen entrückt schien der Pianist, der nun verkrümmt am Flügel saß, förmlich in ihn hineinkroch – es war weder mimische Show noch Akrobatik, da war einer vollkommen in sich und bei der Musik! Nahm er das Publikum überhaupt wahr?

Auch nach der Pause verschmolz der Capell-Virtuos zu einer Einheit mit dem Steinway, als seien beide ein symbiotisches Klangtier. Auszüge aus Dmitri Schostakowitschs Präludien und Fugen Opus 87 waren vielleicht die größte Offenbarung dieses Abends, in der sich Klarheit der Architektur und Stimmungen ergänzten. Schostakowitsch hat den Stücken die Ebenen von Aussage und Empfindung eingepflanzt, Daniil Trifonov erweckte diese Verflechtung zum Leben. Ob perlend wie ein Frühlingsregen, mahnend, im gewitzten Kanon oder eine Sentenz formulierend – das Gewebe von Motiven, Zitaten und Impressionen bereitete unter diesen Händen ständig Entdeckungen.

Mit Igor Strawinskys »Trois movements de Pétrouchka« entfachte der Pianist abschließend noch wild, wild, wild einen burlesken Derwischtanz, ganz ohne Kontrollverlust. Imponierend war dies und riß das Publikum von den Sitzen, auch wenn mancher Schlußton im Sturm doch etwas früh abbrach.

Es wird interessant sein, diesen Ausnahmekünstler über die Jahre zu beobachten, denn Potential zur Entwicklung hat er zu allem dazu – es sei ihm gegönnt! So kann man nur hoffen, weitere Entdeckungen mit ihm zu machen, sich entführen zu lassen, wie in die Welten Nikolai Medtners. Zwei Stücke aus den »Fairy Tales« waren die Zugaben und spiegelten noch einmal den Abend: sprudelnde Lebendigkeit und charmante Poesie. Hoffentlich kommt er wieder…

9. Februar 2017, Wolfram Quellmalz

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