Zwei Welten – eng verbunden

Beethoven und Schönberg zum Kammerabend des Tonkünstlervereines

Man kann über die erste und zweite Wiener Schule theoretisieren, man kann aber auch beim Hinhören das Ringen um die Formen nachvollziehen, das Aufbrechen bestehender Konventionen, das Einfügen und die Hinwendung zu neuen Elementen. Ludwig van Beethoven und Arnold Schönberg waren wegweisend bei dieser Suche und Entwicklung. Selbst wenn sich ihre Werke kaum »gleichen«, für unsere Ohren die des einen – Schönberg – häufig noch fremd sind mit ihren Brechungen; der andere – Beethoven – wurde von seinen Zeitgenossen nicht anders wahrgenommen, hat sie mitunter mit seinen Neuschöpfungen verstört.

Das Jacobus-Stainer-Quartett stellte zu seinem Kammerabend am Montag in der Semperoper Schönbergs Streichquartett Nr. 2 in fis-Moll jenes Ludwig van Beethovens in e-Moll gegenüber, Nr. 2 aus Opus 59. Das Werk läßt sich heute der mittleren Schaffensperiode Beethovens zuordnen, gleichwohl galt es zur Zeit er Erscheinung den Wienern bereits als »schwierig«, wurde von den Musikern gar als »verrückte Musik« und »schlechter Scherz« gesehen – dies hat man überwunden.

Zunächst hatten Henrik Woll und Paige Kearl (Violinen), Christina Biwank (Viola) und Simon Kalbhenn (Violoncello) jedoch die Reihenfolge des Programms geändert – entgegen der Chronologie folgte Beethoven auf Schönberg. Der, Schönberg, hatte in seinem Opus 10 zwar zur viersätzigen Form des Quartetts zurückgefunden, ihm aber eine Sopranstimme hinzugefügt. Dem dritten Satz ist eine »Litanei« unterlegt, der vierte greift in der »Entrückung« andere neue Welten auf (beides Texte von Stefan George). Zwei Jahre nach Veröffentlichung der Relativitätstheorie, welche eine bis in die Kunst reichende Begeisterung für die Wissenschaften ausgelöst hatte (und gleichermaßen verstörend war), gab Schönberg in seinem Quartett die Beschreibung einer Reise zu anderen Planeten mit.

Schon in den einleitenden Sätzen hatte das Jacobus-Stainer-Quartett aufgezeigt, welch kraftvolle, bannende Tonsprache Schönberg abseits der gewohnten Dur-Moll-Harmonik gefunden hatte. Mit großer Klarheit erstanden hier (immer noch) neue Gedankenwelten. Mit den von der Mezzosopranistin Christina Bock vorgetragenen Texten vertiefte sich dieser Eindruck zusätzlich. Wunderbar, wie dunkel leuchtend ihre Stimme klang, unbemüht und noch im Aufschrei der »Litanei« tief melodisch.

Mit Beethoven ging es einen Schritt zurück in der Zeit, zunächst fühlbar, bis auch hier Streit und Widerstreit, Mahnung, aufloderten, Schicksalspochen erklang. Der kühlen Harmonik Schönbergs setzte das Quartett die überlegte Feurigkeit Beethovens entgegen, der aber ebenso einen romantischen, (die Welt umarmenden) Gestus enthält. Blitzende Bögen und erlösende Melodik wurden hier zu einem Ganzen verbunden.

Schönberg »fremd«? Nein, nur ungewohnt, man sollte es öfter hören!

28. Februar 2017, Wolfram Quellmalz

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