Mit steigenden Graden der Erregung

Juanjo Mena und die Philharmonie im Schauspielhaus mit Bartók und Tschaikowski

Geigerinnen können eine große Inspiration sein – auch für Komponisten. Béla Bartók hat sein erstes Violinkonzert Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts für Stefi Geyer geschrieben, Ermanno Wolf-Ferrari das seine 1940 / 41 für Gulia Bustabo – diese Liebe blieb allerdings unerfüllt. Wenige Jahre zuvor, zwischen 1938 und 39, schrieb Bartók sein zweites Konzert. Dabei verband er neue und bereits erarbeitete Ansätze in einer bemerkenswerten Synthese, ohne ein offensichtlich konstruiertes Werk zu hinterlassen. Es beeindruckt mit Einschüben und Ausflügen, mit Liedelementen und experimentiert reizvoll mit den Orchesterfarben. Und es weist den Solisten, an diesem Abend Augustin Hadelich, klar als Hauptakteur aus, dem das Orchester folgt.

Es folgte ihm zügig, setzte Kontraste und schmiegte sich an, während Hadelich mit klarem, schlankem Ton bestach. Elegant wirkte sein Spiel, was der Gesangslinie des Werkes entgegenkam. Juanjo Mena setzte auf dieser äußerst transparenten Basis Paarungen in Szene. Beinahe zart spielte Augustin Hadelich, betonte im ersten Satz mit nervösem Bogenvibrato die Stimmung, um gleich darauf der beruhigenden Melodie einer Lerche zu folgen (auch Ermanno Wolf-Ferrari hat solchen Gesang in sein Werk eingepflanzt). Das durchdachte Musizieren des Violinisten, sein Kontrastieren mit dunklen Klängen, eröffnete viele Hörentdeckungen.

In der Zugabe, Bachs Andante aus der Sonate BWV 1003, zeigte sich Augustin Hadelich von einer ganz anderen Seite – von der romantischen. Vollgriffig und mit reichem Vibrato bevorzugte er einen vollen, in den leisen Wiederholungen gedämpften Ton. Das paßt eher zur Aufführungstradition des vergangenen Jahrhunderts als zur historisch informierten Praxis, konnte so schlüssig vorgetragen jedoch ebenfalls überzeugen – auch vom Orchester gab es deshalb viel Applaus.

Peter Tschaikowskis Sinfonie Nr. 6 steht häufig auf den Konzertplänen der Orchester. Während der Musikfestspiele 2016 war sie zu hören, bei der Philharmonie hatte sie erst 2014 auf dem Programm gestanden. Mitunter kann sie sogar strapazieren – selbst Albert Breier schreibt im Programmheft vom »lärmenden Schluß« des dritten Satzes und der Wiederholung des Marschthemas »fast bis zum Überdruß«. Ob die trockene Akustik des Schauspielhauses dem Einhalt gebieten würde? Bei seinem letzten Besuch hier hatte Juanjo Mena ein ungeheures Geschick darin bewiesen, in scheinbar übermächtigen Brucknerblöcken einen großen Farbenzauber auszulösen. Auch Tschaikowski gewann durch Zurücknahme und Feinheiten, behielt dabei seine Lebensfülle. Anmutig zeichnete Mena das Allegro con grazia, das gefürchtete Allegro molto vivace hielt zu Beginn messerscharfe Flötenakzente bereit und geriet auch durch einen kurzzeitigen Notenabsturz am Konzertmeisterpult in keine Gefahr. Fast bedächtig formulierte Mena manche Passagen und ließ den Schluß der Sätze maßvoll ausklingen.

Es war das viertletzte Konzert im Schauspielhaus – man zählt dies jetzt mit, wartet auf den Umzug, darauf, daß Hörner weniger dumpf klingen, daß sich Blechbläser und Streicher noch homogener mischen…

26. Februar 2017, Wolfram Quellmalz

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