Von Reisen und Zeitreisen

Kammerkonzert in der Villa Teresa Coswig

Am Sonntag hatte die Villa Teresa zu einem Kammerkonzert in den großen Salon geladen. Während draußen im Park die Vögel den Frühling (der sich verborgen hielt) besangen, gab es drinnen eine kleine Zeitreise zu erleben, die Cellist Andreas Priebst – passend zur Nachmittagsstunde – mit Ergänzungen zu den Werken versah.

In Wolfgang Amadeus Mozart sehen wir heute den von der Muse geküßten Komponisten, doch hat er den Kuß nicht nur erhalten, sondern durchaus studiert und bei anderen genau hingesehen und hingehört. Johann Christian Bach in London war ein wichtiger Impulsgeber des Salzburger Genies, auf Anregung Baron von Swietens setzte er sich später mit dem Schaffen der Bachsöhne Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann auseinander. Dies geschah nicht nur im Zusammenhang mit damaligen Aufführungen, sondern führte darüber hinaus zu Neuschöpfungen wie Adagio und Fuge c-Moll KV 546 für Streichquartett. Annette Thiem und Constanze Sandmann (Violinen), Cornelia Schumann (Viola) und Andreas Priebst (Violoncello) ließen die Melodiestimme mit viel Sanglichkeit reihum im Kanon erklingen, in der zunehmend dichteren Verwebung fanden sich Momente großer Erregung und dramatischer Zuspitzung. Die Feinheit der Einzelstimmen blieb dabei erhalten.

Franz Anton Hoffmeister wiederum hat uns als Komponist nicht nur das Pflichtstück eines Violakonzertes hinterlassen, sondern auch eine Reihe reizvoller Kammermusikwerke. Darüber hinaus war er vor allem Verleger – Mozarts Verleger. Und weil dessen beide Klavierquartette (eine damals neue, noch nicht etablierte Gattung) KV 478 und 493 bei Publikum und Musikern nicht reüssierten, zog er den Auftrag für ein drittes Quartett zurück – und hat uns vermutlich eines wertvollen Beitrages beraubt. Anders als 1788, als ein Zeitgenosse die Aufführung des Es-Dur-Quartetts (KV 493) als Tumult empfand, bei dem die »vier Instrumente, nicht in vier Takten zusammengepaßt« hätten, gelang das Werk in der Villa Teresa überaus stimmig. Mit Christian Kluttig am Klavier (Annette Thieme vertrat die Violinstimme allein) ließen die Musiker ihre Instrumente, mal kunstvoll gekreuzt, mal in vier Einzelstimmen, oft im Kontrast des Gegenübers von Streichtrio und Klavier, taktgemäß und mit feiner Nuancierung erklingen. Das Allegretto bewies, daß »Sonatenhauptsatz« kein steifer Begriff der Theorie ist, sondern sich als Frühlingssonate interpretieren läßt.

Gut einhundert Jahre nach Mozart – mittlerweile war das Klavierquartett geläufig – sind Antonín Dvořáks Werkbeiträge entstanden. Sein kammermusikalisches Œuvre weist neben den Klavierquartetten Opus 23 und 87 zwei Klavierquintette aus. Jenes in A-Dur stand nach der Pause auf dem Programm. Die fünf Musiker ließen den romantischen Gestus und die überbordenden Fülle des ersten Satzes erblühen, wiegten bedächtig den Dumka-Rhythmus des zweiten. Und auch das Finale war kein stürmisches Brausen, sondern aus Einzelstimmen fein zusammengefügt.

20. März 2017, Wolfram Quellmalz

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