Wie auf dem falschen Fest

Palmsonntagskonzert der Sächsischen Staatskapelle mit Reinhard Goebel

Die Palmsonntagskonzerte der Sächsischen Staatskapelle wurden vor 190 Jahren mit einem Benefizgedanken ins Leben gerufen. Sie müssen nicht zwingend einen Bezug zum letzten Sonntag vor Ostern haben – oder sollten sie? Mitunter scheinen die ausgewählten Stücke – während ringsum Passionen erklingen – etwas deplaziert. Zumal, wenn sie eine geschichtliche Aufarbeitung erfordern.

Georg Philipp Telemanns Oratorium »Holder Friede, heiliger Glaube« war schon 1755 fehlerbehaftet, denn es ging mit Blick auf den Augsburger Religionsfrieden anläßlich der in Hamburg begangenen Zweihundertjahrfeier mit historischen Tatsachen (nach damaligem Kenntnisstand) allzu frei um. Darüber hinaus haftet solch nachaufgeführten Festkonzerten oft etwas befremdendes an, haben wir doch keinen Bezug mehr zur Feier, für welche das Werk geschrieben wurde. (Gleiches gilt für Gedenkkonzerte, selbst wenn diese dem Tod Augusts des Starken wie im Palmsonntagskonzert 2014 gegolten haben.) So finden sich im Text des Oratoriums einige Merkwürdig- und Unstimmigkeiten – doch wer sortierte solche Rosinen bzw. Korinthen während eines Konzertes aus? Es mutete wie ein Museumsbesuch an, wozu Telemann eine hübsche Musik mit vier Allegorien (Sophie Karthäuser – Sopran / »Friede«, Lothar Odinius – Tenor / »Andacht«, Daniel Ochoa – Bariton / » Religion« und Martin-Jan Nijhof – Baß / »Geschichte«) geschrieben hatte. Der Dresdner Kammerchor (Einstudierung: Michael Käppler) trug mit einigen ausgewogenen Chorstücken dazu bei. Wie schade – dieser fabelhafte Komponist hätte zu seinem 250. Gedenkjahr eine treffendere Würdigung erfahren sollen!

Die Hoffnung, daß es nach der Pause mit einem »gefügigeren« Werk zurück in die Gegenwart ginge, mit einem lebendigen Bezug zu uns und zur Kapelle, wurde jedoch alsbald getrübt. Die »Schieflage« Georg Friedrich Händels »Dettinger Te Deum« in der geschichtlichen Entstehung wurde allerdings bereits aufbereitet (die Schlacht bei Dettingen und deren Nachwirkung war eine andere, als in der ersten Euphorie gedacht).

Zur Uraufführung des Te Deums soll es – Zeitzeigen zufolge – manchen Zuhörern in den Ohren gedröhnt haben. Teilnehmer und Gäste sprachen von einem »ziemlich lauten und nicht angenehmen« Werk, davon, daß es »zu komplex und lärmend« sei. Ein solcher Eindruck stellte sich am Sonntagabend auch in der Semperoper ein, mit Ausnahme des Komplexen vielleicht, aber ist das als historisch informierte Aufführungspraxis zu verstehen?

Reinhard Goebel präsentierte sich als Einpeitscher, der sonst so maßvolle Dresdner Kammerchor sang oft mit aller Kraft und war dennoch gegen die grellen Orchesterfarben nicht zu verstehen. Den Solisten (nun mit Anke Vondung / Alt sowie Odinius, Ochoa und Nijhof) blieben wenige Glanzpunkt vorbehalten, zu denen aber unter anderem die Baß-Arie »Thou art the King of Glory« zählte.

Ein wenig Feuerwerk gehört sicher zu Händel, aber funkeln sollte es, nicht gleißen.

10. April 2017, Wolfram Quellmalz

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