Wieder ein Gesamtkunstwerk

Collegium 1704 mit Bachs Johannespassion in der Dresdner Annenkirche

Das Konzert des Collegiums 1704 zu oder vor Ostern ist stets auf den Passionsgedanken bzw. die Karwoche ausgerichtet. Nach Georg Friedrich Händels »Messiah« 2016 und Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe 2015 stand am gestrigen Sonnabend vor Ostern die Johannespassion auf dem Programm. Neu dabei waren viele der Solisten sowie Lars Ulrik Mortensen – Gastdirigate sind beim Collegium eher selten, und wenn, dann laden sich die Prager Musiker solche ein, mit denen es offenbar eine besondere Geistes- und Seelenverwandtschaft gibt. Wie Hans-Christoph Rademann – und jetzt Mortensen.

Auch unter seiner Leitung verschmolzen Collegia und Solisten zu einem sinnigen ganzen, machten sich die Musiker auf die Suche nach dem Kern, dem Sinn. Und so strahlte die Johannespassion vor allem in schlichter Schönheit, egal, ob in den reichen Chören oder durch die Solosänger wie Altistin Ulrike Malotta. Selbst bei Bach finden sich spuren dramatischer Schärfung, die auf einen gemeinsamen Ursprung von Oratorium und Oper verweisen: Wenn der Chor zum Beispiel Jesus befragt »Bist du nicht seiner Jünger einer?« klingt die zuvor schon von einer Magd scharf vorgetragene Frageanklage geradezu giftig-aggressiv. Andere Spannungsmomente setzte Mortensen durch dezidierte Pausen, die den Fluß der Übergänge zwischen den Stücken oder diese selbst unterbrachen, etwa wenn im zweiten Teil auf Pilatus‘ Frage »Was ist Wahrheit?« (Nummer 18a) der Evangelist zunächst verharrt, bevor er fortfährt (»Und da er das gesaget, ging er wieder hinaus…«). Ebenso sorgt das Schweigen Jesu‘ auf Pilatus‘ Frage »Von wannen bist Du?« (21) für eine derartige Zuspitzung.

Für Glanzlichter innerhalb des Gesamtwerkes sorgten die Solisten mit besonderer Ausdruckskraft. So gab Thomas E. Bauer (Baß) seinem Jesus Milde, ließ ihn aber gegenüber Pilatus selbstbewußt auftreten. Sein Arioso »Betrachte, meine Seele« mit gedämpften Violinen als Begleitung war ein atemberaubend schöner Höhepunkt, ebenso die Arie »Mein teurer Heiland« mit einem im Sitzen aus dem Hintergrund singendem Chor (ein musikalischer Schimmer!). Pilatus wiederum, vom erfahrenen Tomáš Král vorgetragen, schwebte zwischen Nachdenklichkeit und dem Zweifel der Rechtschaffenheit.

Sophie Junkers Sopran war von Beginn strahlend schön und gewann im Verlauf noch an Geschmeidigkeit. Sebastian Kohlhepp beeindruckte mit kraftvollem Tenor, der selbst im Fortissimo stets lyrisch blieb. Das Spiel mit dem dramaturgischen Effekt beherrscht der Opernsänger perfekt und verzückte das Publikum mit langem Atem und einer schier endlosen Skala, über die er einen Ton anschwellen lassen konnte. Für den schlichten Erzählerpart des Evangelisten war dies allerdings ein wenig zu viel Gestaltung und Schönheit. Gleichwohl beeindruckte der Tenor gerade dadurch, wie er aus dem Rezitativ des Evangelisten »…und weinete bitterlich.« (12c) in die folgende Arie »Ach, mein Sinn« überleitete. (Ganz nebenbei machte dies auch gespannt, Sebastian Kohlhepp einmal als Liedinterpreten zu erleben.)

Das Collegium 1704 als kongenialer Begleiter spiegelte die Farben der Sänger wider, trug mit berührenden Soli der Bläser oder – sinnlich singend – der Violoncellistin und Gambistin Hana Fleková bei. Lars Ulrik Mortensen dirigierte mäßig flotte Tempi, einzig die Choräle hätten etwas mehr Zeit bedurft. So berührten sie (als kontemplative Ruhepunkte für die Gemeinde gedacht) weniger und bezogen ihre Spannung vor allem aus der Betonung der jeweiligen Schlußzeile. Dem Gesamtwerk ließ dies trotzdem keine Eile wiederfahren, so daß das Konzert mit Ergriffenheit und Stille endete.

CD-Tip: Das Collegium 1704 hat in Kammerbesetzung die Triosonaten ZWV 181 für zwei Oboen, Fagott und Basso continuo von Jan Dismas Zelenka aufgenommen (Accent).

9. April 2017, Wolfram Quellmalz

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