Rolf Müller (Altenberger Dom) zu Gast beim Dresdner Orgelzyklus

Silbermannorgel der Hofkirche schimmerte mild

»Toccata« heißt auch »tupfen« oder »anrühren« – nicht immer gilt es also, zu »schlagen«. Rolf Müller fand zum Orgelkonzert in der Passionszeit sanftere, anrührende Töne, vermied beim Registrieren allzu kräftige, strahlende Farben.

Den Kern seines Programms bildeten Werke aus dem 18. Jahrhundert (in dessen Mitte Gottfried Silbermann das Dresdner Instrument geschaffen hatte). Zwei Ausnahmen führten von diesem Punkt weiter zurück und nach vorn: Gleich den Beginn markierte die Toccata nona Georg Muffats von 1690, den Schluß des Programms markierte jene in a-Moll von Johann Ludwig Krebs. Beide Toccaten sind in der Anlage imposant, Rolf Müller ließ vor allem Muffats Werk vor dem Ohr der Zuhörer entstehen, baute es Schicht um Schicht auf. Die Toccata Johann Ludwig Krebs‘, deren früheste Abschrift von 1840 überliefert ist, klang im Kontrast zur vorangegangenen Improvisation schon beinahe mächtig.

Im Zentrum standen Werke Johann Sebastian Bachs und seiner Söhne Carl Philipp Emanuel sowie Wilhelm Friedemann. In ihrer Schlichtheit besonders schön – und der Passionszeit verhaftet – gelang die Choralbearbeitung »Erbarm dich mein, o Herre Gott« BWV 721, welche in sich gekehrt, milden, silbrigen Schimmer ausstrahlte. Die ersten Töne des darauffolgenden Praeludium und Fuge h-Moll BWV 544 schienen im Vergleich stechend, doch zeigte sich hier eine große Meisterschaft im Aufbau und der Verarbeitung musikalischen Materials.

Am tiefsten berührte Rolf Müller vielleicht mit den folgenden Stücken: Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate g-Moll Wq 70 Nr. 6 und (vor allem) Wilhelm Friedemann Bachs »Großer Fuge«. Beiden ist eine größere Freiheit der Form, eine Verspieltheit eigen, mit denen die Komponisten die Musik ihrer Zeit prägten. Das Charakterspektrum der Sonate reichte am Mittwochabend denn von bebend, belebt, trotz klanglicher »Fülle«, bis klar funkelnd im Finale. Dazwischen hatte Carl Philipp Emanuel ein träumerisches Adagio gesetzt.

Carls Philipp Emanuels älterer Bruder Wilhelm Friedemann gilt es – auch an seiner ehemaligen Wirkungsstätte Dresden – immer noch wiederzuentdecken. Seine »Große Fuge« hat bereits einige Strenge abgelegt und viel Freiheit gewonnen, die sich nicht nur in der ungewöhnlichen Form (arioses Nachspiel), sondern ebenso in der Singstimme offenbarte. Rolf Müller beließ den begleitenden Baß matt, so daß er nicht einengend dominierte.

Musikalisches Gegenstück zu diesen Werken war eine freie Improvisation, für die Mitveranstalter Johannes Trümpler kurz vor Beginn des Konzertes »Im Kreuz ist heil, im Kreuz ist Leben« aus der österlichen Liturgie in einer modernen Psalmvertonung als Thema vorgegeben hatte. Die Improvisation konnte da natürlich nicht in der Zeit zurückgehen: zunächst blieb der Cantus firmus erhalten bzw. kehrte wieder, während sich die Begleitung veränderte, schimmerte, flirrende Akkorde streute. Immer weiter (freier) entfernte sich Rolf Müller vom Ausgangspunkt, fand rhythmische Veränderungen (Gospel), bis sich der Klang in Partikeln in den Raum verteilte. Ein interessanter, ein wenig eigenwilliger Kontrast zum übrigen Programm und eine anregende Alternative gegenüber klassischen Orgelimprovisationen!

6. April 2017, Wolfram Quellmalz

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