Meister der zarten Töne

Martin Stadtfeld und das Mannheimer Mozartorchester in der Dresdner Frauenkirche

Wie schön, wenn sich Orchester und Solisten nicht nur auf das Konzert, also die Stücke und das Programm, sondern auch auf den Ort einstellen; die Akustik, den Nachhall, die Raumwirkung auszuloten. Timo Jouko Herrmann hatte dies wohl getan, denn sein Orchester stand nicht nur glücklicher in der Mitte des Kirchenschiffes vor dem Altarraum, es hatte sich auf den Nachhall des Raumes eingestellt. Nachhall, der nicht störende Verzögerung ist, sondern der den Schall trägt – er war ein wesentlicher Einfluß für Echowirkungen, die das Mannheimer Mozartorchester hervorbrachte, aber auch für die Eleganz, die es in manchen Stücken erreichte.

»Das musikalische Repertoire im barocken Dresden« war das Programmheft überschrieben – Kenner wissen, daß »barock« hier kein ornamentverziertes Korsett ist, sondern der Titel nicht weit genug gefaßt werden kann. Offen und neugierig waren der Hof und seine Musiker damals, Stücke, Spielpraxis und Instrumente entwickelten sich in wenigen Jahren enorm – heute sind wir in der glücklichen Lage, die lange vergessene oder verkannte Zeit »zwischen« den Musikepochen (Barock und Klassik) wiederzuentdecken.

Zum Beispiel war es dazumalen üblich – völlig normal! – Konzerte nicht nur mit Verzierungen über den notierten Text hinaus persönlich zu interpretieren, sondern mit eigenen, freien und oft improvisierten Kadenzen zu gestalten. Manche Kadenz wurde dennoch notiert und blieb erhalten, so wie jene des Dresdner Kapellmeisters und Komponisten Johann David Heinichen, die er aus seinem Concerto grosso G-Dur (Seibel 215) ableitete. Im Konzert erklang sie als Ergänzung der Konzertmeisterin Kamila Namyslowska im dritten Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach. Dieses, als Ouvertüre placiert, musizierte das Mannheimer Mozartorchester noch in Consortaufstellung stehend und ohne Dirigenten. Links jubilierten die Violinen, rechts sangen die Celli, dazwischen die Violen als Basis.

Den restlichen Abend spielte das Orchester sitzend und mit dem Dirigenten Timo Jouko Herrmann, – wodurch der Gesamteindruck gewann – die ersten Violinen links, die zweiten rechts. Das Musikschränkchen offenbarte Kostbarkeiten wie jeweils eine Sinfonia B-Dur von Johann Friedrich Fasch und Carl Philipp Emanuel Bach. Auf modernen Instrumenten zeichneten die Musiker den Weg vom Barock in die »empfindsame« Zeit mit Empfindsamkeit nach, entwickelten dabei eine große Eleganz (Faschs von allen Zwängen befreite Fuge!) und virulente Lebendigkeit. Mit hellem Klang zeichneten sie die filigranen Neuheiten nach.

In zwei Konzerten stand der Solist des Abends, Martin Stadtfeld, im Mittelpunkt. Vater Bachs f-Moll-Konzert (BWV 1056) hatte Stadtfeld schon 2006 mit den Festival Strings Lucerne (Achim Fiedler) aufgenommen, seine Lesart seitdem jedoch weiterentwickelt. Während er das Eingangsthema mit etwas mehr Härte spielte, ließ Stadtfeld die Repetition leiser erklingen. Schlicht berückend geriet der zweite Satz, mit der Singstimme des Steinways und in den Raum schwebenden Pizzicati der Streicher – als sei es eine Andacht.

Als ungeheuer erhellend und bereichernd, als Entdeckung des Abends erwies sich Martin Stadtfelds zweiter Beitrag: das Konzert für Klavier und Streicher f-Moll von Johann Christian Bach (C 73). Wie der Bach-Sohn hier von der Tradition wegrückt, Gegensätzlichkeiten verbindet und die Tür zum solistischen Virtuosentum öffnet, erscheint geradezu modern. Doch auch hier profitierte das Werk von der Fähigkeit des Pianisten, Themen leise, sanft und innig zu entfalten. Wiederum überraschten die Kadenzen, in denen Stadtfeld sinnierte und phantasierte, das sangliche Thema sponn und ein Baßthema hinzuzauberte, als fügte Vater Bach – vom Himmel aus – einen Choralgesang hinzu, so daß sich Vergangenheit und Gegenwart verbanden.

Schumann als Zugabe (»Der Dichter spricht«) konnte das gar nicht mehr überbieten.

23. April 2017, Wolfram Quellmalz

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