Cembalokonzert in der Hoflößnitz

Lars Ulrik Mortensen

Nicht nur Cembalist ist Lars Ulrik Mortensen, auch Dirigent. Seit einigen Jahren hat er sich auf die Alte Musik und Originalklangorchester spezialisiert, zuletzt war er im April in Dresden zu Gast und hatte mit dem Collegium 1704 Johann Sebastian Bachs Johannespassion aufgeführt.

Am Sonntag kehrte der Däne zurück, in die Hoflößnitz nach Radebeul diesmal und allein mit seinem Cembalo, dem Nachbau eines deutschen Instruments. »Wege zu Bach« hatte er sein Programm genannt, das sinnenreich zwischen Ruhe und Farbenüppigkeit pendelte. Denn diese bieten die alten Instrumente in immenser Fülle – wenn man sie ihnen zu entlocken weiß.

Schon mit Johann Jakob Frobergers Toccata in d-Moll (FbWV 102) evozierte Mortensen einen quasi greifbaren Ton, schloß die Suite D-Dur (FbWV 620) gleich an. Anders als viele Sonaten der Zeit mit einem Charakterwechsel der Sätze (langsam – schnell – langsam – schnell) sind die Suiten oft freier, führen die Teile ineinander über. Und, so wurde unmißverständlich klar: auch musikalische Ornamente sind keine »angeklebten Schnörkel«, sondern geistreiche Verzierungen, höchst individuell, welche dem Geist von Stück und Interpret folgen.

Noch stärker kam die Folgerichtigkeit der Teile in Matthias Weckmanns Toccata a-Moll zum Ausdruck, die erzählten Episoden glichen. Nicht weniger Einfallsreichtum offenbarte Lars Ulrik Mortensen in Dietrich Buxtehudes Suite A-Dur (BuxWV 243), die er ebenso mit großer Tiefe ausstattete, wie sie von höchster Lebendigkeit zeugte – schon vor dem übermächtigen Bach hatte die Musik bemerkenswerte Höhepunkte erreicht. Die oben erwähnte Farbigkeit des Instruments trug erheblich zur Vielfalt des Musikcharakters bei. So wandelte Mortensen bei Buxtehude zwischen den schlichten Klangbildern von Laute oder Psalterium und dem Reichtum einer Orgel.

Den drei Wegbereitern folgte nach der Pause »Vater Bach«. Wiederum erklang eine Toccata (e-Moll, BWV 914), die das Cembalo erneut zu einer kleinen Orgel werden ließ. Nicht allein technische Finesse oder Struktur beeindruckten hier, sondern der Wandel und Übergänge. Neben dem »Singen« des Instruments gibt es auch ein »Sprechen«, etwa in rezitativischen Passagen.

Perlend, flutend erklangen Präludium, Fuge und Allegro Es-Dur (BWV 998), ursprünglich (vermutlich) für die Laute geschrieben, deren Klangcharakter Lars Ulrik Mortensen treffend imitierte. In seiner Heiterkeit erinnerte das Stück an Werke wie die Fuge aus dem Capriccio 992. Während die originale Bestimmung in diesem Fall nicht restlos geklärt ist, fällt sie bei der Chaconne BWV 1004 ganz klar aus: es ist für die Solovioline geschrieben. Doch schon zu Bachs Zeiten wurden viele Stücke für andere Instrumente transkribiert (was zur teilweise unklaren Antwort auf die Originalitätsfrage beigetragen hat) oder um kontrapunktische Stimmen erweitert. Zum Teil von Johann Sebastian Bach selbst, oft aber vor allem durch seine Söhne oder Schüler. Derlei »Übungen« sind heute vielfach bekannt und waren die »Schule«, nach welcher der Cembalist die Adaption der Chaconne für sein Instrument angefertigt hat. An Virtuosität steht es dem Original in nichts nach, gleichwohl enthält es – ganz anders als die klare Einzelstimme der Violine – eine orgelähnliche Stimmmächtigkeit. Nach eine solchen Höhepunkt sorgte Lars Ulrik Mortensen noch einmal mit der beruhigenden Sarabande aus Buxtehudes Suite für einen angemessenen Abendgruß.

31. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Mit »Gli Uccelli – Die Vögel« eröffnen Lars Ulrik Mortensen und Concerto Copenhagen am 6. September 20:00 Uhr in der Stadtkirche St. Petri Freiberg die 22. Silbermann-Tage.

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