Trouvaillen aus dem Notenkoffer

Liebhaberorchester hebt (fast) vergessene Werke

Ausgangspunkt war der Notenfundus des Komponisten Georg Kiessig (1885 bis 1945), der nicht nur Material gesammelt, sondern dieses teilweise auch für Salonorchester eingerichtet hatte (DNN berichtete). Über Martin Steude, damals Büroleiter Ludwig Güttlers, fand die Sammlung Eingang ins Notenarchiv des Bundesverbandes Deutscher Liebhaberorchester. Wie sich zeigte, waren manche »Exoten« unter den Werken, vieles, was heute vergessen, aber dennoch wert ist, aufgeführt zu werden.

Jakob Leide nutzte die Zeit seines Bundesfreiwilligendienstes beim Verband und rief ein Projekt ins Leben, das einige der Notenschätze heben wollte, am Wochenende ist es soweit gewesen. Unter der Leitung von Filip Paluchowski (Leiter des Universitätsorchesters Dresden) trafen sich 55 Musiker aus der Region und dem Bundesgebiet – das »Projektorchester Notenschätze«. Alle gehen sie einer anderen, regulären Arbeit nach oder besuchen noch die Schule und trafen sich am Ende der Woche, Freitag 18:00 Uhr ging es los. Die Zeit bis zum Konzert am Sonntagnachmittag in der Lukaskirche war mit intensiven Proben gefüllt und es kann nur erstaunen, was der Dirigent und seine drei Dozenten Emily Yabe (Streicher), Letizia Turini (Holzbläser) und Sebastian Schöne (Blechbläser) in dieser kurzen Zeit auszurichten vermochten. Kaum jemand dürfte von den Stücken vorab viel mehr gekannt haben als einen Notentext (wenn überhaupt) und zu Werken wie Alexander Warlamows Romanze »Der Engel« oder Franz Bendels Märchenbild »Aschenbrödel« findet sich nicht einmal ein YouTube-Video. Andere Komponisten sind zwar den Kennern geläufig, jedoch nur mit einer Handvoll Werke. Hilary Hahn, Viviane Hagner oder Alban Gerhardt entreißen die Violin- oder Violoncellokonzerte Henri Vieuxtemps dem Vergessen, seine »Reverie« Opus 22 sucht man auf den Spielplänen jedoch vergebens – bis zum Sonntag. Mit Pauline Herold (Violine) als Solistin war sie ein Höhepunkt des Konzertes. Die Schülerin vom Landesgymnasium für Musik ist bereits äußerst versiert und verlieh der Träumerei viel Ausdruck, Filip Paluchowski sorgte dafür, daß sich die Stimmen des Orchesters harmonisch fügten.

Nicht minder interessant geriet die Phantasie zu Konradin Kreutzers »Das Nachtlager in Granada«. Dies barg immerhin spanisches Kolorit, während Carl Zimmers (genannt »Yoshimoto«) »Japanischer Laternentanz« exotische Anklänge munter mit Walzerrhythmen mischte und eher nach Hawaii als nach Fernost klang, wie der Dirigent augenzwinkernd zugab. Manchmal war die Person des Komponisten inspirierender als sein Werk, und für ein einleitendes Salonstück war an diesem Abend durchaus Platz.

Philipp Rauch stimmte gleich danach mit Warlamows »Engel« ein sozusagen unerhörtes Abendlied an. Eben noch Musikschüler in Leipzig, wird Philipp Rauch im Oktober hier in Dresden ein Musikstudium beginnen. Schon jetzt vermochte er sein Ausdrucksspektrum dem Engelsgesang anzupassen und bewies reichlich Ambition auf seinem Instrument.

Neben all dem Unbekannten, zu dem auch Joseph Joachim Raffs »Abends« mit viel Cello-, Harfen-, Flöten- und Glöckchenklängen gehörte, offenbarte das Konzert nicht zuletzt eine ungeheure Spielfreude der Musiker. Eine Fortsetzung scheint also nicht ausgeschlossen.

 

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