Ein Prüfstein – himmlisch und gewaltig

Gustav Mahlers »Sinfonie der Tausend« mit der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast

Seit einigen Monaten ist er in Betrieb, der neue Konzertsaal im umgebauten Dresdner Kulturpalast. Mit dem Beginn der neuen Spielzeit werden weitere Lücken geschlossen – erste Male. Zum ersten Mal erklang am Wochenende die neue Konzertorgel. Noch vor ihrer eigentlichen Einweihung am Freitag kommender Woche wurde sie unter den Händen ihres »Betreuers« Holger Gehring in Gustav Mahlers achter Sinfonie vernehmlich. Doch Mahler schöpfte aus dem Vollen – auch Klavier, Celesta und Harmonium kamen zum Einsatz, Harfen, Tuben, Posaunen… Da mußte man die Mandoline nicht nur optisch suchen.

Es ist ein gewaltiges Werk mit einem gewaltigen Beginn, einer jener Meilensteine, von dem Michael Sanderling sagte, daß genau solche Kompositionen nun erst möglich sind, in diesem Saal. Neben einem umfangreichen Orchesterapparat von 116 (!) Musikern kamen der Sächsische Staatsopernchor Dresden und der MDR Rundfunkchor Leipzig mit dem Philharmonischen Chor Dresden sowie dem Philharmonischen Kinderchor Dresden zusammen. Mehr als 260 Choristen, dazu sieben Solistinnen und Solisten – eintausend Mitwirkende waren es also nicht, aber dennoch ein beeindruckendes Ensemble auf der Bühne und den Orgel- sowie Seitenrängen.

Vor allem beeindruckte, wie Michael Sanderling diese Klangmassen, die Mahler zuweilen entfesselt, bündelte, wie sie durch den Saal wogten, wie sich die Chöre (Vorbereitung: Jörn Hinnerk Andresen und Gunter Berger) mischten. Ausdrücklich erwähnt sei hier der Engelsgesang, den der Kinderchor anstimmte und der sich im wesentlichen in der Stimmlage, nicht aber in Stärke oder Qualität von den anderen Chören auffallend unterschied. Daß manches ob der schieren Klanggewalten etwas grell erschien, ist eher dem Werk anzulasten und wohl auch so gewollt. Mahler hat in weiten Teilen eine Textkenntnis seines Publikums vorausgesetzt und die Verständlichkeit oftmals dem Gesamtklang und der Stimmung untergeordnet.

Am schwierigsten gestaltete es sich für die Solisten, die erklingen mußten, ohne zu schreien. Das Septett mit unterschiedlichen Anteilen überzeugte im ganzen, wenn auch mit kleinen Abstrichen, vor allem Christine Brewer (Magna Peccatrix) kam (in der Sonntagsaufführung) sichtlich an ihre Grenzen. Einnehmend dagegen und mit fast baritonalem Timbre nicht zuletzt Ruhe ausstrahlend beeindruckte Tenor Brandon Jovanovich (Doctor Marianus), ebenso war Gerhild Romberger (Alt II / Maria Aegyptiaca) bestens in Form und wahrte ihre stimmliche Geschmeidigkeit. Stephan Genz (Bariton) und Ain Anger (Baß) bewiesen opernwürdige Dramatik in ihren Vortrag, wobei vor allem Genz mit unverminderter Verständlichkeit beeindrckte. Heather Engebretson (Mater gloriosa) – im weißen Kleid von der Höhe des zweiten Ranges singend – verkörperte eine engelsgleiche Stimme von oben – ihr schien die (an diesem Abend wohl auch dankbarste) Rolle auf die Stimmbänder geschrieben.

Das Orchester beeindruckte mit einem ununterbrochenen Strom, einer reinen Spannung und feinen, störungsfreien Intonation. Michael Sanderling hatte wohl gerade auf dieses Halten der Spannung Wert gelegt, band Solisten und Solistengruppen sinnig ins Orchestergefüge, das in steter Gesamtheit auftrat. Die neue Saison begann also mit einem »Schuß Extraklasse« – dafür gab es vom sonst manchmal recht braven Philharmoniepublikum enthusiastischen Applaus.

28. August 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: 8. September, 18:00 Uhr, Kulturpalast Dresden, Orgelweihekonzert, Oliver Latry, Holger Gehring, Johannes Trümpler und Samuel Kummer spielen Werke von Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Gustav Adolf Merkel, Felix Mendelssohn Bartholdy und anderen

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