Klavierabend mit Alexey Sychev in der Aula des Landesgymnasiums Sankt Afra

Abschlußkonzert des Pianoforte-Festes Meißen

Unter der »russischen Schule« versteht man gemeinhin eine technisch höchst virtuose, temperament- und ausdrucksvolle Weise des Klavierspieles, flutende Musik. Ganz so einfach ist es jedoch nicht – wie jede Schule vermag auch die »russische« zu differenzieren, ganz abgesehen davon, daß jeder (gute) Pianist einen höchst persönlichen Personalstil entwickelt.

Alexey Sychev bewies beides – er kann seine Ausbildung am Tschaikowsky-Konservatorium ebensowenig verleugnen wie er einen persönlichen Werkzugang entwickelt hat. Dieser ist durchaus zupackend, kräftig, mit Aplomb. Wer wählte schon eine Beethoven-Sonate (»Waldstein«) gleich als Einstieg? Doch im Verlauf des Konzertes bewies der Pianist, daß sein Ausdrucksspektrum viele weitere Farben enthält.

Stürmisch nahm Alexey Sychev Beethovens Opus 53. Das war mitreißend, ließ in der Flut aber manche Töne des Allegro con brio verschwimmen – reichlich »brio« (Schwung). Doch war dies wohl nur eine Frage der Dosierung und kein grundsätzliches Übermaß. Introduzione. Adagio molto enthielt viel Ruhe, einen die Tiefe füllenden Baß und eine Leichtigkeit der Melodie, um gleich daraus das abschließende Rondeau. Allegretto moderato zu stürmen.

Spätestens danach überzeugte Alexey Sychev hinsichtlich seines differenzierten Anschlages, denn Franz Schuberts »Erlkönig« in der Bearbeitung durch Franz Liszt enthielt viele gesangliche Nuancen – andere Pianisten neigen hier arg zum »Donnern«. Alexey Sychev versteht das Werk offenbar von Inhalt (Text) aus und zeichnete dessen Strophen nach, was den Schicksalsschlag des Vaters am Ende selbstredend nicht ausspart.

Auch in Johannes Brahms‘ vier Intermezzi Opus 119 bewies der Pianist Deutungsvermögen und Ausdruckskraft. »Zwischenstücke« waren dies durchaus nicht, eher kleine, stimmungsreiche Pastiches!

Nach der Pause dann legte Alexey Sychev noch einmal an Temperament zu – sowohl Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Opus 12 als auch Sergej Prokofjews Sonate Nr. 7 waren von einer zum Bersten neigenden Rasanz geprägt. Gerade die Sonate (auch als »Stalingrader Sonate« bzw. eine der drei »Kriegssonaten« bezeichnet) enthält martialische Klänge, welche der Pianist mit perkussivem Klang und prägnantem Rhythmus auslotete.

Kaum weniger glühend erklang Maurice Ravels »La valse«, ursprünglich für Orchester geschrieben, in einer Fassung für Klavier solo.

Solch virtuose Extraklasse kommt gut an, eine Zugabe wie Liszts »La campagnella« nicht weniger. Da durfte sich das Publikum bei einem zweiten Extrastück, einer Scarlatti-Sonate, noch einmal an ruhiger Nuancierung und perlendem Klang erfreuen.

20. September 2017, Wolfram Quellmalz

Auch im kommenden Jahr findet zwischen Mai und September das Pianoforte-Fest Meißen statt. Es wird das 20. sein! Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.pianoforte-fest-meissen.de/

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