»Nun lob mein Seel«

Heinrich Schütz Musikfest lotet die KlangRäume der Dresdner Frauenkirche aus

Zum ersten von zwei Konzerten hatte das Calmus Ensemble am Donnerstag seine Besucher empfangen (der zweite Teil mit »Luthers Liedern« folgt heute am gleichen Ort). Den Untertitel »KlangRäume« nahmen die vier Sänger und Sopranistin Anja Pöche dabei sehr ernst. Im Kirchenschiff aufgestellt wechselten sie die Positionen, traten einmal nach Stimmhöhe »sortiert« (Sopran bis Baß) auf, dann wieder in Gruppen, ein Konzept, in das sie die Musiker der Capella de la Torre mit einbezogen.

Das Ziel bestand weniger in einer effektvollen Anreicherung der aufgeführten Werke, sondern darin, der sich im 16. Jahrhundert herausbildenden Mehrchörigkeit nachzuspüren. In Psalmvertonungen und Liedern erklangen Werke unter anderem von Johann Walter, Georg Otto und natürlich Heinrich Schütz. Als Ausgangspunkt stand Johannes Heugels Motet »Consolamini Popule Meus« auf dem Programm und markierte den Weg zur Mehrchörigkeit mit »phasenverschobenen« Stimmen, die in den Wiederholungen der Textzeilen Betonungen schufen, um sich jeweils an deren Ende wiederzutreffen und gemeinsam zu verhallen. Gleich im Anschluß wogte Heinrich Schütz‘ Psalmvertonung »Das ist mir lieb« (SWV 51) durch den Raum, machte die Klangwelt erfahrbar, spürbar. Wie in Wellen schienen die Textzeilen beim Hörer zu branden. Auch Schütz hat in der Vereinzelung der Stimmen und deren Zusammenführung bei Worten wie »Not« bereits eine Textvertiefung angestrebt, die vom Calmus Ensemble mit dramaturgischer Feinheit ausgeführt wurde. Egal, ob als harmonisches Gefüge oder sich gegenüberstehend – diese Einigkeit, dieser Zusammenhalt, war so berührend wie verblüffend und zeugte vom großen inneren Zusammenhalt des Sich-aufeinander-Abstimmens.

Nicht weniger tief ging die Verbindung mit den Instrumentalisten, die erst als Begleiter auftraten und im zweiten Teil zunehmend zu gleichwertigen Gesangspartnern wurden. Gerade die gemischte Aufstellung von Sängern und Bläsern erwies sich als ausgewogen. Die meisten der Stücke begannen mit einem Gesangssolisten als »Vorsänger« oder einem instrumentalen Präludium – auch dieses waren Vorsänger.

In zwei rein instrumentalen Beiträgen, einem aus drei Stücken bestehenden »Da Pecem« und Giovanni Gabrielis Canzon g-Moll für zwei Tasteninstrumente rückte die Capella in den musikalischen Vordergrund. Während Hildegard (Virginal) und Ekkehard Saretz (Orgel) bei Gabrieli mit einer Klangwelt verzauberten, welche ohne Sänger Worte einzuschließen schien, präsentierten sich Leiterin Katharina Bäuml (Schalmei), Birgit Bahr (Altpommer – wann kann man so ein Instrument schon einmal hören?), Falko Munkwitz (Posaune) und Regina Hahnke (Dulzian) als exquisites Bläserensemble – die »Stadtpfeifer« zu früheren Zeiten dürften kaum so fein geklungen haben! Ein anderer Höhepunkt war Johann Walters »Holdseliger, mein’s Herzens Trost« mit dem Duo Anja und Tobias Pöche (Tenor).

Mit Michael Praetorius und Heinrich Schütz ging das Programm zu Ende. Während Praetorius das Lied »Eine feste Burg ist unser Gott« kunstvoll ausgearbeitet hat und die Festigkeit durch musikalisches Beharren unterstrich, erfuhr »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen« (SWV 31) durch den Wechsel von Solisten und Ensemble wiederum eine Verdichtung von Text und musikalischem Ausdruck. Wie geschmeidig Baß Manuel Helmeke stets blieb, wie hoch die Wortverständlichkeit der Sänger überhaut war, trug viel zur Begeisterung des Publikums bei, jedoch ist im Grunde unfair, einen einzelnen Solisten hervorzuheben – Calmus ist ein Ensemble.

Zu Räumen, KlangRäumen, gehört die Erfahrbarkeit, auch die Gegenseitige. So ließen sich die Musiker von der ehrlichen Begeisterung ihrer Zuhörer anstecken und brachten mit »Vivat Carolus, Maximilian, semper Augustus« (Johann Walter), einem so witzigen wie geistreichen Kanon, eine vergnügliche Zugabe.

13. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Das Heinrich Schütz Musikfest endet am Wochenenden mit Konzerten in allen Spielorten (Zeitz, Bad Köstritz, Weißenfels, Gera und Dresden. Zum Abschluß in Dresden gibt es am Sonnabend nach der Kreuzvesper (17:00 Uhr, Kreuzkirche, Motetten von Motetten von Heinrich Schütz, Claudio Monteverdi, Georg Philipp Telemann u. a.) und einem Wandelkonzert mit thematischen Verknüpfungen zu aktuellen Ausstellungen einen Blick auf die Reformationsfeste in Sachsen: »Anno 1617 – sola gratia, sola fide, sola scriptura« heißt es 20:00 Uhr im Kleinen Schloßhof. Mit dabei sind das ensemble amarcord, die Cappella Sagittariana und Gäste.

Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.schuetz-musikfest.de/ger/veranstaltungen/

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