Nachtrag zur Eröffnung des Heinrich Schütz Musikfestes

Altes immer wieder neu belebt

Ziel des seit 1998 bestehenden Heinrich Schütz Musikfestes ist es nicht allein, sogenannte Alte Musik nur aufzuführen, auch dann nicht, wenn sie »historisch informiert« gespielt wird. Ein musealer Charakter ist den Konzerten und Veranstaltungen fern, die statt dessen von der Auseinandersetzung mit Schütz, seiner Zeit und den sie betreffenden Komponisten, Gelehrten und Orten zeugen. Ablesen läßt sich dies bereits an den programmatischen Titeln, die hier nicht einer deutungsfreudlichen Vermarktung dienen, sondern auf Inhalte zielen. Zitate werfen Schlaglichter und eröffnen Wege zu einer Vielfalt, die sich in der Vergangenheit finden läßt. Somit wird die Alte Musik nicht zuletzt zu einer Entdeckungsreise in die Zukunft (Prof. Dr. Wolfgang Hirschmann, Präsident der Mitteldeutschen Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen e. V.).

Authentizität erschöpft sich nicht in historischen Orten oder Instrumenten, sondern ist in den Programmen wiederzufinden. »Aus Liebe zur Wahrheit« ist der aktuelle Jahrgang übertitelt, »Wir gläuben all an einen Gott« hieß es am Freitagabend in der Annenkirche zum Dresdner Eröffnungskonzert. Galt das Wort früher mehr als heute?

So könnte man fast meinen nach einem Abend voller Worte. Denn nachdem Veranstalter und Förderer gesprochen hatten, stand immer noch das Wort im Mittelpunkt – in den Vertonungen von Heinrich Schütz, seinen Zeitgenossen und Schülern. »Wir gläuben all an einen Gott« geht auf ein altes Kirchenlied zurück, daß schon durch Martin Luther in der Zeit der Reformation neu belebt wurde. Gleich fünf Vertonungen in instrumentaler oder gesungener Fassung erklangen – wie in den vergangenen Jahren hatte das Heinrich Schütz Musikfestes Kompositionen nachgespürt, die auf gleichen Überlieferungen basierten. Für derlei fein- und tiefsinnige Auslotung hatten sich um Residenzkünstlerin Hille Perl (Viola da Gamba) ein superbes Ensemble (u. a. Petra Müllejans / Violine und Lee Santana / Laute) sowie vier ausgezeichnete Gesangssolisten versammelt. Und diese begannen den Abend nach all den Begrüßungsworten mit einem dreistimmigen Gambenconsort in der Vertonung Balthasar Resinarius‘ aus der sie in ein Gesangsbuch Johann Walters überleiteten. Schwebend, in enger polyphoner Verschlingung folgten Dorothee Mields (Sopran), David Erler (Altus), Georg Poplutz (Tenor) und Peter Kooij (Baß) der Melodie, eröffneten ganz andere Klangwelten – dies sollte sich noch mehrfach an diesem Abend wiederholen. Heinrich Schütz beispielsweise fokussierte den Text auf die individuellen Stimmen und den Gehalt der Worte, denen er durch Betonungen Gewicht beimißt, während Samuel Scheidt dem gleichen Wortlaut bei harmonischer Stimmführung mit rhythmischen Akzenten betonte.

In jeder Hinsicht ausgewogen und ausgleichend standen sich die Stimmen der Sänger und Instrumentalisten gegenüber, die sich ergänzten, stützten oder auch einmal schwiegen, um den jeweils anderen zu Wort kommen zu lassen. Vor allem war dies klug gestaltete Programm ausgewogen hinsichtlich der gedanklichen Beteiligung und der Empfindung, zwischen bekenntnisreichem Text und meditativer Kontemplation. Auf überraschend moderne oder »frembde« Effekte und fugierte Stimmen wie in Johann Rosenmüllers Sonata Duodecima á 5 folgten erneut eine Besinnung auf den Inhalt, dazwischen laß Peter Kooij Texte von Jakob Böhme (zu dem es noch bis zum 19. November die Ausstellung »Alles in allem« in der Schütz-Kapelle des Dresdner Residenzchlosses gibt), Dschalal ad-Din Muhammad Rumi oder aus dem Talmud. In Johann Theiles »Die Seele Christi heilige mich« wiederum schwangen sich die Stimmen emphatisch nach oben – himmlisch!

Die Vielfalt des 18. Jahrhunderts scheint unerschöpflich. »Besinnung« läßt sich ebenso unterschiedlich auslegen und betonen wie »Wir gläuben all an einen Gott«. Den nachgereichten Schlußpunkt an diesem Abend setzten die Musiker mit einem seelenstreichelnden Abendlied (»Nun sich der Tag geendet hat«, Adam Krieger).

7. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

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