Musikalische und künstlerische Dialoge

Abschluß der Dresdner Konzerte des Heinrich Schütz Musikfestes

Am Sonnabend endeten die Dresdner Aufführungen des Heinrich Schütz Musikfestes, welches heute mit Abschlußkonzerten in Bad Köstritz und Weißenfels endet. Dabei bewies der Veranstalter erneut Findigkeit hinsichtlich der Programme und ein glückliches Händchen in der Wahl der Partner. Wieder einmal war das Fest zu Gast im Residenzschloß und spürte vor allem den Reformationsfesten nach, zu dessen einhundertstem 1617 unter anderem Musik Heinrich Schütz‘ erklungen war.

Zunächst hieß es jedoch wandeln, denn die Besucher des Konzertes am frühen Abend bekamen neben der Musik zwei Führungen, in welchen Geschichte und Zusammenhänge zu Reformation und Musik am Dresdner Hof dargestellt wurden. In der Schütz-Kapelle des Schlosses ist derzeit eine Ausstellung zu Jacob (oder Jakob) Böhme zu erleben. Denn der Görlitzer Schuster blieb nicht bei seinen Leisten, sondern suchte nach Erkenntnis in der Natur, wurde Mystiker, Philosoph, Theosoph. Nicht weniger interessant: ein Besuch der Rüst-, Kunst- und Kleiderkammer im Renaissanceflügel des Schlosses. Dr. Jutta Charlotte von Bloh führte die Besucher so kundig wie geistreich durch einen Parcours zwischen den Exponaten und stellte klar, daß Macht nicht nur mit Mode, sondern auch mit Prunk, Geist und Kultur verbunden war. Die damaligen Fürsten holten nicht nur die besten Musiker und Komponisten nach Dresden, sie waren selbst bedeutende »Dilettanten«.

Während die einen (Besucher) wandelten, spielten die anderen (Musiker) und hatten ihrerseits mehrfach den Ort zu wechseln. Während es Robin Peter Müller und Pia Grutschus (Violinen), Sibille Klepper (Viola), Philipp Comploy (Violoncello) und Ilaria Farina (Theorbe) dabei vergleichsweise leicht hatten, trug Kateřina Ghannudi an ihrer Harfe mit Sicherheit schwerer. Doch blieb sie dabei unbeeindruckt, denn wie die Lautenistin sang sie zu ausgewählten Stücken.

So erklangen auf den Ebenen der Englischen Treppe, in der Rüstkammer und von der Galerie der Schloßkapelle unter anderem John Dowland, Antonio Vivaldi und Johann Heinrich Schmelzer – die Akustik war allemal hervorragend. Wie schön, denn das Schloß soll künftig, wenn also der Ausbau bzw. die Wiedererschließung erfolgt ist, auch stärker ein musikalischer Ort werden (Frau Dr. von Bloh).

Im Kleinen Schloßhof fand anschließend das letzte der Dresdner Konzerte im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes 2017 statt. Ein wenig bedauerlich ist es schon, daß die Schütz-Kapelle derzeit nicht für Konzerte genutzt werden kann, denn das Programm orientiere sich gerade an der Musik, die dort während des Reformationsfestes 1617 aufgeführt wurde. Zwar läßt sich das originale Programm nicht mehr rekonstruieren, doch auf Basis der Drucke und Veröffentlichungen von Werken sowie dem vom damaligen Oberhofprediger, Dr. Matthias Hoë, erstellten Konzept zum Reformationsfest läßt sich durchaus vermuten, welche Kompositionen in Gottesdiensten oder Vespern erklangen.

Daß diese durchaus den prachtvollen katholischen Festen etwas zu entgegnen vermochten, davon zeugte das Programm »Anno 1617«. Schon das Orchester wies neben den Streichern Zinkisten, Posaunisten und einen Pauker auf, welche festlichen Glanz hervorbrachten. Für gediegenen innigen Klang sorgten Orgel und Laute, Violinen und Gamben für die Streicherbasis. Mit insgesamt neunzehn Instrumentalmusikern der Cappella Sagittariana war das Orchester nicht nur hinsichtlich der Farben reich, sondern auch so stark besetzt, daß sich für mehrchörigen Werke wie Heinrich Schütz‘ »Jauchzet dem Herrn« (SWV 36) eine Gruppe von der Galerie spielen konnte.

Nicht minder zahlreich und hochwertig waren die Sänger besetzt. »amarcord plus« nannten sich die acht Sängerinnen und Sänger. Außer der gewohnten amarcord-Besetzung (mit Stefan Kahle für den erkrankten Wolfram Lattke) gab es unter anderem zwei Sopranistinnen. Insgesamt war das Ensemble damit nicht so harmonisch wie amarcord alleine, auch Charakter und Stärke der Stimmen war nicht immer gleich. Viel wichtiger war es aber, die Musik zu beleben, in ganz unterschiedlichen Zusammensetzungen erklingen zu lassen. Meist waren die Stimmen bei Mehrchörigkeit nur einzeln besetzt.

Und noch einmal zeigte sich, daß sich Programme selbst dann nicht wiederholen, wenn sie ein so festes Zentrum wie den Komponisten Heinrich Schütz haben. Mit Michael Praetorius kam ein wichtiger Dresdner Amtskollege zu Gehör (mit einer wunderbar ergreifenden, nur aus Kyrie und Gloria bestehenden »Missa gantz Teutsch«), doch auch Samuel Scheid galt das Wort (»Wir gläuben all an einen Gott«). Aller Schaffen jedoch ist selbst bei gleichen Textbezügen unheimlich reich.

Zwischen den Werken sprach und laß Friedrich Schorlemmer zu Themen der Reformation, dazu, Frieden zu stiften, über rettende Barmherzigkeit sowie Wert und Würde jedes einzelnen. Dabei stellte er den Bezug zwischen den Zeiten immer wieder her, zur Bedeutung der Reformation, zu Erfahrungen, die uns ebenso betreffen wie Heinrich Schütz oder die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, oder zur Friedensschrift von Erasmus von Rotterdam.

Mit dem festlichen Psalmkonzert »Danket dem Herrn« (SWV 45) ging das Konzert zu Ende – prachtvolle, Hoffnung stiftende Musik.

15. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

Im kommenden Jahr findet das Heinrich Schütz Musikfest unter dem Motto »Verley uns frieden« vom 5. bis 14. Oktober statt.

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