Lichte Ferne, düstere Wehmut

Werke von Arvo Pärt und Gustav Mahler zum zweiten Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle

Die Ansatz- und Ausgangspunkte der beiden Stücke des zweiten Sinfoniekonzertes waren so naheliegend wie einander fern. Einerseits aus Lebens- oder Schaffenskrisen geboren, zeigen sich Kompositionswege doch höchst unterschiedlich. Der suchend in die Ferne blickende Arvo Pärt traf auf den verzweifelnd resümierenden Gustav Mahler.

Mit »Tabula rasa« des estnischen Capell-Compositeurs begann das Konzert zur ungewöhnlichen Zeit, vielleicht waren in der Matinée am Sonnabend deshalb ein paar Plätze im Publikum frei? Schade! Denn Arvo Pärts Konzert für zwei Violinen, Streichorchester und präpariertes Klavier ist – wie so viele Werke des Komponisten – von außerordentlichem Reiz. Entstanden 1977, nach einer künstlerischen Krise markiert es gleichzeitig einen Neubeginn, der Name war also Programm. In zwei Sätzen scheint das Stück Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, vielleicht zu finden. Die Ruhe des Innehaltens ist für Arvo Pärts Kompositionen ebenso evident wie die Harmonie seiner Grundstrukturen, so den ihr innewohnenden, von Kirchenglocken abgeleiteten Dreiklängen (»Tintinnabuli«). Die um eine Oktave entfernten Stimmen der Solisten zerreißen zunächst die Stille, einer Störung gleich, einem Aufschrecken, Erwachen, dem ein Moment des Verharrens folgt. Das Orchester erwidert die Gedanken der Soloviolinen, dann wechseln sich die Partner immer wieder ab, wobei exakt bemessene Pausen den Rhythmus ebenso prägen wie die von den Musikern gespielten Takte. Pärts Stil kennzeichnet dabei nicht nur ein typischer Klang, sondern eine ungemein hohe Zugänglichkeit.

Der erste Satz gelang den Solisten Thomas Meining und Jörg Faßmann sowie dem Orchester unter der Leitung von Donald Runnicles mit großer Spannung. Wie gläsern, mit enormer Klarheit, aber auch einer latenten Fragilität klangen die Soloviolinen, so daß sich im Verbund mit den Orchestermusikern unwillkürlich ein Bild von Weite und Ferne einstellte. Am Schluß des ersten Teiles führten die Dialoge aller in einer positiven Erregung zusammen. Als Antwort darauf fand Arvo Pärt im zweiten Satz Stille. Donald Runnicles ließ die klaren Strukturen in rhythmisch pulsierende Klänge übergleiten und machte unmißverständlich klar, daß Ruhe nicht mit Lautlosigkeit zu verwechseln ist, sondern einem inneren Seelenzustand gleichkommt, der Selbst-Bewußtsein verlangt. Und dieser hat einen Klang, frappierend dargeboten an diesem Vormittag.

Ganz anders antworte Gustav Mahler auf eine künstlerische wie menschliche Krise. »Das Lied von der Erde« kennt das heitere Leben nur noch als wehmütige Erinnerung oder in Form märchenhaft heiterer Episoden (für Momente blühenden Lebens hatte Gustav Mahler mit Bläsern, Harfe, Glöckchen und Triangel viele Reflexe gefunden). Doch es endet in Todesnähe oder gar -sehnsucht. In so großer Dichte vorgetragen spiegelten die sechs Sätze eine vorgeschoben leutselig-heitere, zuletzt aber bedrückende Stimmung wider. Ein opernhaftes Kaleidoskop erschlossen dabei Karen Cargill (Mezzosopran) und Michael Schade (Tenor), die in Tiefen und Untiefen der Worte Hans Bethges loteten. Beide drangen bis in tiefe Dunkelheit vor – ein verzweifelndes Wandern. Michael Schade entlarvte vermeintlichen Frohsinn und Fatalismus beklemmend greifbar, an Karen Cargill war es, den Abschluß zu gestalten, und der führte zu einem Freund, nach dem sich jemand sehnt, für ein letztes Lebewohl vor der Ewigkeit. Selbst wenn auf den Herbst wieder ein Frühling auf der Erde folgt, mahnte das Schlagwerk die Todesstunde. Karen Cargill legte die Geisterhafdzigkeit des »Mondes als schwebende Silberbarke« offen: eine Erscheinung, mehr nicht. Rettung, schien’s, ist nur in Ruhe oder Ewigkeit…

15. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

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