Mit leisen, warmen Tönen

Es sind nicht immer extatischer Jubel und herausgeschleuderte Koloraturen, welche die Begeisterung für Barockmusik hervorbringen oder entfachen. Im Konzert am Donnerstagabend im Gewandhaus waren es gerade die stilleren Momente, die jenen innigen Zauber verströmten, für sinn- und sinnenreiche Augenblicke sorgten.

Das lag zum einen in der Programmzusammenstellung begründet, die auf leisere Stücke, wiegende Rhythmen und Piani vertraute, Largos und Adagios hervorhob. Die gesamte erste Hälfte war mit Angemessenheit ausgestattet und nicht zuletzt dem Stillen verhaftet. Luca Pianca verbreitete im Lautenkonzert RV 93 von Antonio Vivaldi jenen goldenen Schimmer, den auch die Sopranistin Julia Lezhneva mit jeder Note verströmen lassen kann. Der Lautenist schenkte dem Publikum mit feinsinniger Artikulation und sanfter Stimmentfaltung das berührende Werk, dessen zweiter Satz schon als melancholische Untermalung von Filmsequenzen herhalten mußte. Von derlei Mißbrauch war hier nichts zu spüren!

Vivaldis Konzert fügte sich mit Kontrast, aber ohne Brüche, in die Folge der vokalen und instrumentalen Werke und zeigte, daß – ganz im Sinne des Ensemblenamens – auch Konzerte gesungen werden können. Dies traf schon auf das Eingangswerk, Georg Philipp Telemanns Concerto B-Dur (TWV 51:B1) zu. Dmitry Sinkovskys Violine sang, eingeschlossen von den Stimmen seiner Kollegen, mit zarter Innigkeit. Nicht den brillanten Jubel hatte Telemann herausgestellt, sondern vor allem in mittleren und tieferen Lagen eine Melodieführung von gediegener Eleganz – so mag Ebenholz klingen, konnte man meinen. Auf ausgestellte Brillanz wußte Dmitry Sinkovsky zu verzichten, Gesang, nichts als Gesang war dieses Konzert! Kaum weniger betörend die anschmiegsame Begleitung mit wunderbar »brummigem« Baß – die Basso-continuo-Gruppe umfaßte incl. Laute bis zu sechs Spieler. Nicht »lauter« war die Devise, sondern »beseelter«.

Beseelung in Vollendung war Julia Lezhneva. Als sanfter Engel, leise Botin mit dem Gesang eines Vögelchens – welcher hätte es mit der Sopranistin aufnehmen können? Wohl keiner, Julia Lezhneva war Nachtigall, Drossel und Distelfink zugleich. Schon Nicola Porporas Motette »In caelo stelle clare fulgescant« stellte vor allem (wieder) den Schimmer heraus, die leise Mildheit, die sehr wohl plötzlich in Spitzentöne mündete – es ist nicht das Stechen und Treffen der Note, das den Zuhörer einnimmt, es ist die Mühelosigkeit, mit dem Julia Lezhneva dies Ziel erreicht. Dabei scheint der Ausdruck stets wichtiger zu sein als der pure Ton – die Tränen in Georg Friedrich Händels Salve Regine könnten Steine zum Schmelzen bringen. Und als das Werk (ganz leise) mit dem Gedanken an die »süße Jungfrau Maria« schloß, wagte man die Stille kaum mit Applaus zu unterbrechen.

Nach der Pause hielt Julia Lezhneva noch drei Arien Antonio Vivaldis und Georg Friedrich Händels bereit. Köstlich, wunderbar auszukosten, nicht zuletzt deshalb, weil Solistin und Ensemble die von den Komponisten gewünschten Effekte so sinnfällig umzusetzen wußten. Wie den Wandel der Schönheit (Bellezza) bei Händel, die eben noch im Staccato der Konsonanten von der Gefräßigkeit der Zeit berichtet, dann aber – besänftigt – der Dienerin des Himmels ihr Herz anerbot.

Die enge Verbindung von Julia Lezhneva mit La Voce Strumentale zeigte sich nicht nur im Gegenüber von Sopranistin und Begleitung, sondern auch in manch anderer Ergänzung. Dmitry Sinkovsky ist nicht nur Violinist, sondern ebenso ausgebildeter Countertenor und damit regelmäßig überraschender Duopartner in den Zugaben – so auch hier. Schon zuvor aber bot er dem Publikum und der Solistin in Antonio Vivaldis »Zeffiretti che sussurrate« (Arie der Ippolita aus »Ercole su’l Termodonte« ein frappierendes Echo dar.

Nach so viel Glanz konnte natürlich nicht gleich Schluß sein. Das etwas überschaubare, dafür aber um so verständigere und begeisterungsfähige Publikum erjubelte sich vier Zugaben. Händels »Lascia la spina« allein mit Lautenbegleitung war ein wunderbar leiser Abschluß dieses Abends.

3. November 2017, Wolfram Quellmalz

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