Mit Klarsicht und Verve

1. Aufführungsabend der Staatskapelle mit Rafael Payare

Der venezolanische Dirigent Rafael Payare hatte sich für sein Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle ein weites Spektrum der Musik vorgenommen: er begann mit György Ligetis »Ramifications«, einem (fast noch) zeitgenössischen Werk, um danach mit Johann Sebastian Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 2 weit in die Vergangenheit und vor den romantisch geprägten Repertoirekern der Kapelle zu gehen. Mit Ludwig van Beethovens erster Sinfonie drang er schließlich in dieses Zentrum ein.

György Ligeti gehört (aus ganz persönlicher Sicht des Rezensenten) zu den spannendsten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts, dem sich anzunähern immer lohnt. Wer aufgeschlossen ist und der Musik neben dem schönen Klang auch das Geräusch oder den Effekt zugesteht, kann hier eine ungeheure Bereicherung erfahren. »Ramifications« meint »Verästelungen« oder »Verzweigungen«, wobei der Fokus weniger auf dem Gesamtgebilde oder der Struktur liegt, sondern die neuen Triebe oder Sprossen meint. In dem Ende der sechziger Jahre entstandenen Werk »spielt« Ligeti mit Clustern, also einer Schar von Klängen, die Instrumentengruppen erzeugen. Mit vierteltönigen Stufen und bewußten »Verstimmungen« erreicht er Schwebungen, einen teilweise indifferenten Klang, der das Auflösen der Struktur und das Entstehen der Klangtriebe hervorhebt. Gewohnte Accessoires wie melodische Anreize stellt Ligeti dabei bewußt zurück.

Uraufführungsdirigent war 1969 übrigens der in Dresden geborene Michael Gielen. Am Donnerstagabend gab Rafael Payare dem Klang viel Freiheit und Leichtigkeit, fast gläsern klangen die Streicher. Gerade der teilweise beinahe flüchtige Klang läßt das kurze Stück aber auch ein wenig verschwinden, zumal als Einstieg in den Abend. Da wäre es eigentlich schön gewesen, es am Ende, nach der Beethoven-Sinfonie, noch einmal zu hören. Das wäre ohne eine Überlänge des Konzertes möglich gewesen.

Die Umstellung zu Bach fiel – hier hat man viel Hörerfahrung – wohl leicht. Auch wurden die Erwartungen hinsichtlich brillanter Fanfarenklänge (Trompete: Helmut Fuchs) glänzend erfüllt. Ein wenig flott gerieten die Ecksätze, da hatte das Andante mehr Raum, sich zu entfalten. Rafael Payare hielt sich hier vollkommen zurück und überließ es den Solisten (Sabine Kittel / Flöte, Céline Moinet / Oboe, Holger Grohs / Violine), ihre Stimmen klangvoll im Trio zu vereinen, behutsam begleitet von der Continuo-Gruppe. Blitzsauber stob hernach das Allegro assai über die Bühne und mußte auf Verlangen des Publikums wiederholt werden.

An Beethoven muß man sich messen lassen, doch von Zaghaftigkeit oder Berührungsangst war bei Rafael Payare nichts zu spüren. Zupackend und mit geschärften dynamischen Kontrasten bot der Dirigent seinen Blick auf das Werk, hatte aber stets einen Sinn für das ganze, stellte keine Effekte ohne Substanz heraus. So blieben die feinen Holzbläser eingebettet in einen tragenden, weichen Streicherklang, vor allem die Mittelsätze hatten Puls und Rhythmus von fast tänzerischer Qualität. Insgesamt hatte dieser Beethoven mehr Ruhe als der Bach zuvor, doch sollte man Rafael Payare auch die Zeit zugestehen, solche künftig weiter zu entwickeln. Sein Ansatz, einem inneren, stimmigen Impuls zu folgen, war auf jeden Fall einnehmend.

1. Dezember 2017, Wolfram Quellmalz

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