Tastenwelten

Johann Sebastian Bachs »Kunst der Fuge« im Taschenbergpalais

Die im Zuge des Neuaufbaus verändert wiedererstandene Hauskapelle des Taschenbergpalais hat heute keine sakrale Funktion mehr, sondern ist vor allem Tagungs- und Veranstaltungsort. Seit dem vergangenen Jahr gehört sie nun auch zum musikalischen Leben Dresdens. Der Veranstalter »Bach in Dresden« hat hier die Reihe »Tastenwelten« initiiert, an der sich unter anderem Jan Katzschke in der Programmgestaltung wie als ausführender Künstler beteiligt.

Am Sonnabend war der australische Pianist Daniel Herscovitch zu Gast, der dem Publikum Johann Sebastian Bachs »Kunst der Fuge« BWV 1080 auf einem modernen Konzertflügel näherbrachte. Um das letzte Opus des Komponisten rankt sich manche Legende, gleichwohl ist, mit Ausnahme der unvollendeten Schlußfuge, die Quellenlage weit besser und eindeutiger als bei manch anderer Bachkomposition. Daniel Herscovitch, der in München studierte und weltweit Konzerte gibt, war vor allem am Herausarbeiten der Charaktere und Stimmungen gelegen – hier das rechte Maß zu finden, darauf lag sein Hauptaugenmerk. Immerhin gehen alle Contrapuncti und Canon auf ein Thema zurück, das während knapp eineinhalb Stunden durch Variation immer neu belebt werden will.

Etwas gedeckter als ein großer Flügel klang der kleine Steinway zunächst, doch sollte man sich vielleicht viel öfter »einhören«, als immer einen standardisierten Normalklang zu erwarten. Schon im ersten Contrapunctus arbeitet Daniel Herscovitch besonders dynamische Affekte heraus – ein Ansatz, den er beibehalten sollte. Vor allem die Modulationen gelangen dem Pianisten ausdrucksvoll, so hatte er seine Zuhörer schon im zweiten Contrapunctus, der leicht und mit neckender Oberstimme fröhlich schien wie ein Capriccio, mit seinem Klangbild vertraut gemacht. Der gleich darauf folgende Contrapunctus wiederum war deutlich abgeklärter und ruhiger, aber in seinem melodievollen Gehalt weit von Nüchternheit entfernt, und der folgende Canon schien, von fern kommend, um so spannender. Kleine Ungenauigkeiten führten jedoch dazu, daß gerade den komplexeren Stücken ein wenig Nachhall fehlte.

Dynamische Verläufe waren wesentliche Gestaltungsmerkmale, und es blieb erstaunlich, welche Steigerungen Daniel Herscovitch den einzelnen Stücken angedeihen ließ. Immer wieder überraschte der Pianist mit erfrischender Rhythmik, so im Contrapunctus 9, in dem er aufzeigte, daß sich hier ohne Verfremdung eine Nähe zum Ragtime finden läßt.

Etwas schade blieb, daß sich Daniel Herscovitch nicht von den Noten lösen konnte und es dem Vortrag an Freiheit und mitunter Präzision fehlte. Auch gingen die Bezüge zwischen den Stücken durch die Umblätterpausen etwas verloren, gerade sie sind aber wichtig für den Erhalt der Spannung. Das zeigte sich immer da, wo es gut gelang, wie nach dem jazzigen Contrapunctus 9 und dem wiederum ruhigen und gesanglichen Contrapunctus 10. Doch gerade bei den Contrapuncti 12 und 13, welche zunächst rectus (Stimmen gleichläufig) und danach invers (Stimmen gegenläufig) erklingen, fehlte diese Bündigkeit.

Der Umgang mit der Schlußfuge ist allgemein unterschiedlich. Manche Pianisten lassen sie aus, die meisten beenden ihren Vortrag dort, wo der Text abbricht. Daniel Herscovitch entschied sich für eine ergänzte Fassung des britischen Musikwissenschaftlers und Cembalisten Davitt Moroney – durchaus stimmig (aber streitbar wie jeder Versuch einer Vervollständigung).

4. März 2018, Wolfram Quellmalz

nächste Konzerte der Reihe: 21. März, Hauskapelle im Hotel Taschenbergpalais, Goldberg-Variationen mit Jan Katzschke am Cembalo sowie am selben Tag 333. Bachgeburtstag mit Musik, Tanz und Schauspiel an verschiedenen Orten, weitere Informationen unter: http://www.bachindresden.de

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