Die Stille und Arvo Pärt

Portraitkonzert in der Schloßkapelle

Zum zweiten Mal stellten am Sonntag Musiker der Sächsischen Staatskapelle dem Publikum ihren aktuellen Capell-Compositeur in einem Konzert mit den Ausmaßen einer Beethoven’schen Akademie vor. Wie Sofia Gubaidulina im Vorjahr war diesmal Arvo Pärt anwesend, wie 2017 wurden die gut fünf Stunden Musik in drei Teilen präsentiert, die nach zentralen Werken des Komponisten mit »Collage«, »Cantus« und »Fratres« übertitelt waren.

Die Portraitkonzerte gehen auf die Eigeninitiative der Kapellmitglieder zurück. Friedwart Christian Dittmann (Violoncello), Robert Oberaigner (Klarinette) und Kontrabassist Petr Popelka, der an diesem Abend die Werke für Kammerorchester leitete, erzählten stellvertretend von der Probenarbeit und ihrem Anliegen hinsichtlich der modernen Musik. Sie seien überrascht gewesen, daß Arvo Pärt schon am ersten Tag gekommen sei, nicht erst später, um die Resultate zu prüfen. Auch habe er sich in der Zusammenarbeit viel mehr auf die Situation als auf die Notation bezogen und sei interessiert gewesen, was die Musiker anbieten. Soviel Aufgeschlossenheit und Neugier wünschte Friedwart Christian Dittmann auch dem Publikum, daß er bei dieser Gelegenheit zur »Capella 21« in der kommenden Spielzeit einlud.

Das Schaffen, die Musik Arvo Pärts ist höchst originär. Zwar kann man den Esten formal der Minimal Music zuordnen, in seinen Werken Schwebungen, Permutationen oder Cluster finden, dennoch treten sie hier nicht als Merkmale einer Handschrift in den Vordergrund. Pärt unterwirft sich keinem Algorithmus, sondern spürt dem Klang nach, einer inneren Stimme, dem einzelnen Ton oder der Stille, in die sich ein Ton auflöst und aus der er wächst (Arvo Pärt im Programmheft: »Ich habe entdeckt, daß es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird.«). Sein Komponieren besteht nicht im Minimalismus des Weglassens, sondern in der Reduktion auf einen Kern. Und mit diesem vermag Pärt Seelen zu berühren.

Gerade wenn sie leise klingt oder nur aus wenigen Tönen besteht, entwickelt diese Musik eine große Suggestivkraft, die man schon nicht mehr »meditativ« nennen, sondern auch spirituell empfinden kann. Wie in »Für Alina«, dem von Andrej Kasik (Klavier) gespielten Schlüsselwerk, das auf relativ einfachen Strukturen beruht, Tonleitern, Wechsel- und Haltetönen, und doch so unendlich viel mehr bietet als die simplen Werke der »New Classics«. Da war es fast zu schade, die folgende Stille mit Applaus zu beenden, ebenso nach dem »Mozart-Adagio« (Tibor Gyenge / Violine, Friedwart Christian Dittmann und Michael Schöch / Klavier), einer bezaubernden Reminiszenz an den Freund und Violinisten Oleg Kagan – wo kann man schon erleben, daß Dissonanzen etwas wunderbares sind?

In dem in Ausschnitten gezeigten Dokumentarfilm »The lost Paradise« meinte der Geiger Gidon Kremer, daß in den Partituren Arvo Pärts kein Ton zufällig sei, seine Musik wäre eine Zaubersprache. Oder wie Petr Popelka es formulierte: es gebe da fast leere Seiten mit wenigen Noten, aber viel Musik.

Das Portraitkonzert offenbarte aber auch eine kompositorische Vielfalt, die mit Notenreichtum überraschen kann, wenn etwa die Töne B-A-C-H collagiert werden, oder wenn sich in »Arbos« für acht Blechbläser und Schlagzeug expressiv die Zweige und Triebe eines Kerns (Stammes) entwickeln – da schien es, als wären die zufälligen Lichtreflexe der Instrumente an der Wand beabsichtigt. Die Passacaglia für Violine und Klavier (Federico und Andrej Kasik) wiederum verwob raffiniert und vielstimmig die überbrachte Form mit dem Substrat der individuellen Klangsprache.

Ergänzt wurde diese Fülle noch durch für Arvo Pärt wichtige Werke von Igor Strawinsky, Johann Sebastian Bach, Benjamin Britten und Jean Sibelius (für die exquisite Aufführung dessen rekonstruierten Septetts »En saga« gab es zu später Stunde noch einen extragroßen Applaus).

Wesentlich ist auch der Gesang im Schaffen des Komponisten. »Summa« (für Posaunenquartett) wurde ursprünglich ebenso wie »Solfeggio« (Streichquartett) für Chor geschrieben und später bearbeitet. Ganz verzichten mußten die Zuhörer auf den Gesang jedoch nicht. Christina Bock, Ensemblemitglied der Semperoper, trug »Es sang vor langen Jahren«, eine Mottete nach dem Text Clemens Brentanos, mit anrührender Schönheit vor. In diesem Werk zeigte sich Arvo Pärt als Komponist im Dienst des Wortes.

Der bedankte sich herzlich bei den Musikern der Staatskapelle und dem stehend applaudierenden Publikum und lud sie ein zum Sinfoniekonzert im April.

6. März 2018, Wolfram Quellmalz

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