Überdimensionale Perkussions-Session

7. Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle im Zeichen der Schlagwerke

Die Kammerabende mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle sorgen immer wieder für (gehörige!) Überraschungen. Denn aus dem Orchesterverbund heraus gibt es viele Anregungen und Wünsche, neues zu ergründen, abseitiges gar, exotisches. Immer wieder stehen ungewöhnliche Stücke auf dem Programm, gewagte Kombinationen, Ur- und Erstaufführungen.

Und manchmal steht ein Abend (fast) ganz im Zeichen der Pauken, Trommeln und Klangstäbchen. Wie vor zwei Jahren, als eine Konzerthälfte bereits ganz den Stücken für Schlagwerker gewidmet war. Nun legten die Musiker konsequent nach – ein ganzer Abend nur für sie!

Aber nicht ganz allein, denn ein paar Streicher und Bläser gesellten sich hinzu, dennoch blieb es ein »perkussiver« Abend. Doch ein Schlagzeug schlägt nicht nur, es vermag auch zu singen. Nicht nur Marimba oder Marimbaphon, selbst Pauken und Trommeln sind schließlich auf einen Ton gestimmt und können melodisch klingen, eignen sich aber ebensogut, wenn nicht noch besser, für Verfremdungen (etwa mit einem Besen).

So hatten sich am Sonntagabend viele Besucher für eine Erkundungsreise im Haus der Dresdner Staatsoper eingefunden – erstaunlich viele, denn man hätte auch erwarten können, daß aufgrund der experimentell anmutenden Programmankündigung das Interesse gegenüber »normalen« Kammerabenden deutlich schwinden würde – nein, es schwand nicht, die Zuhörer der Staatskapelle sind also nach wie vor neugierig.

Was sie dann geboten bekamen, waren Stücke für meist zwei oder drei Schlagwerker, zusätzliche Musiker und Klangeinspielungen. Manche spielten gleich selbst ein, wie Christian Langer, dessen »Mémoire du Sénegal« an diesem Abend uraufgeführt wurde. Eines von nur zwei Solostücken, bei diesem nahm der Akteur Sequenzen auf, die gleich wieder ins Stück eingespielt wurden, während Christian Langer schon die nächsten Stöcke oder Schlegel ergriff.

Dieses Ineinander prägte den Abend, denn sämtliche Werke erklangen nicht getrennt, sondern flossen ineinander über, als wäre all das eine riesige Jam-Session. Während die meisten Anschlüsse fließend schienen und einfach Ende und Anfang verbanden, gab es zwischen »Wicca« von Casey Cangelosi (für Schlagzeug solo) und »Amores II« von John Cage (Schlagzeugtrio) deutliche Reflexionen.

Überhaupt hatte man den Eindruck, Johannes Graner, Simon Etzold und Christian Langer, die Hauptakteure an diesem Abend, spielten nicht einfach, sondern setzten eine riesige Maschinerie in Gang, ein Perpetuum mobile.

Dabei gab es Stücke, die mit Rhythmik, Struktur und vor allem der Präzision der Synchronität beeindruckten, andere waren geradezu überschäumend melodisch oder frei. Welches bevorzugen? John Cages beinahe exakte mathematische »Aufgabe« für Klanghölzer (»Amores III«)? Oder doch das archaisch scheinende »II. Dance of the Drums« von Gene Koshinsky? Oder das an Eruptionen gemahnende »Gyro« von Tomer Yarif – noch so ein urzeitliche Energie freisetzendes Stück!

In beiden Konzertabschnitten gab es Improvisationen: zunächst folgte die Musik einer Live-Malerei des Namibischen Künstlers Hage Geinkop Mukwendje, später dann verkehrten die Künstler Inspirationsquelle und Reflexionsfläche. Während sich die erste Improvisation (auch wegen eines technischen Defekts der verfolgenden Kamera) vielleicht nicht erschloß bzw. beliebig (austauschbar) blieb, hatte der umgekehrte Fall deutlich mehr »Energieübertragung«, als sich der Maler durch die Musik zu einem Portrait anregen ließ. Dieses ließ sich so weit interpretieren wie viele der gehörten Werke – war es ein Tänzer in rasender Bewegung oder ein aus dem Spiralwirbel auftauchender Geist?

Gute zwei Stunden dauerte das »Klangexperiment« – Fortsetzung folgt?

9. April 2018, Wolfram Quellmalz

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