Galante Musik

Emmanuel Pahud und das Franz-Liszt-Kammerorchester in der Dresdner Frauenkirche

Der »Zerstreuung« und der »Erholung des Abends bei guter Gesellschaft« sollen sie gegolten haben, die Konzerte und Opernaufführungen am Hofe Friedrichs II. (des »Großen«). Solch eine »Zerstreuung« haben Emmanuel Pahud und die Musiker des Franz-Liszt-Kammerorchesters am vergangenen Sonnabend in der Frauenkirche nachempfunden. Das Programm war, wenn auch nicht historisch nachgewiesen, so doch an die damalige Mode angelehnt, die Komponisten gehörten allesamt zum Hofe in Rheinsberg bzw. Potsdam. Etwas anders mag es damals geklungen haben, denn Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, verwendet eine moderne Böhmflöte aus Metall. Zu Zeiten Friedrichs des Großen waren diese noch aus Holz (Metallflöten kamen erst im 19. Jahrhundert auf). Außerdem war die Orchesterstimmung deutlich moderner (also höher / heller), als sie es früher gewesen ist. Die Größe der Kapelle könnte dagegen ungefähr dem entsprechen, was damals abendlich möglich war. Zur Hofkapelle gehörten um die 40 Musiker, was für Deutschland in der Zeit ein großes Orchester war. Natürlich kamen diese nicht immer alle zum Einsatz. Das berühmte Bild »Das Flötenkonzert in Sanssouci« von Adolph Menzel zum Beispiel zeigt deutlich weniger Spieler (um die zehn). Am Sonnabend traten neben dem Solisten knapp zwanzig Streicher sowie eine Cembalistin auf.

Ziel war es sicher nicht, einen korrekten »Originalklang« zu suchen, sondern Musik und Atmosphäre zu vermitteln. Und dies gelang mit sprichwörtlicher Leichtigkeit und Musizierfreude. Elegant waren schon die Ouvertüren und Sinfonien – hier zeigte sich, wie austauschbar die Begriffe damals noch waren. Sie bezogen sich beim einen (»Ouvertüre«) auf die »Funktion«, also beispielsweise die Eröffnung eines Opernabends, während »Sinfonie« bereits auf die Gattung verwies, wie sie sich in den kommenden Jahren noch durchsetzen sollte.

Carl Heinrich Graun, Franz Benda und Friedrich der Große selbst steuerten Werke bei, die vor allem mit Frische und elegantem Duktus einnahmen, aber auch manche konzertante Teile (Benda) für den Konzertmeister Péter Tfirst aufboten.

Im Mittelpunkt stand natürlich der mit Spannung erwartete Solist, und der verblüffte gleich bei seinem ersten Einsatz, dem Flötenkonzert G-Dur (QV 5: 174) von Johann Joachim Quantz, mit einem weichen, gesangvollen Ton. Pahud ließ sein Instrument zwar optisch funkeln, vermied aber jede aufgesetzte Brillanz und stellte derlei Virtuosität zugunsten der Melodiösität zurück – als wolle Pan mit sanftem Gesang Syrinx betören. Ein Solist im Sinne der Sache sozusagen, als Vermittler der empfindsamen Musik mit viel Feinsinn. So konnten selbst kleine kompositorische Kniffe wie die gezupften Repetitionsfiguren der Bässe (und später der Violinen) wirkungsvoll durchs Kirchenschiff hallen. Das war auch akustisch fein – selbst die Orchestermusiker schienen dem in Richtung Kuppel aufsteigenden Ton nachzuschauen.

Carl Philipp Emanuel Bachs Flötenkonzert d-Moll Wq 22 blieb gleichermaßen von einem goldenen Ton geprägt. Allegro und Un poco andante waren noch von einem äolischen Hauch getragen, bevor Emmanuel Pahud im Allegro di molto dann doch das erwartete »Feuerwerk« abbrannte.

Für soviel Beflügelung bedankte sich das begeisterte Publikum am ersten Frühlingswochenende des Jahres, Emmanuel Pahud ging noch einmal von d- zu h-Moll und ließ dem Feuerwerk die »Badinerie« von Vater Bach nachfolgen. Für den »Spaß« bzw. musikalischen Scherz erlaubte er sich dann ein augenzwinkerndes Übermaß an Schnörkeln, Girlanden und Trillern – eben doch ein Virtuose, ein feiner…

8. April 2018, Wolfram Quellmalz

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