Szenenwechsel

Musikalisch wandelnde Staatskapelle

Der Erste Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle, Myung-Whun Chung, hatte sein Dirigat für das 9. Sinfoniekonzert krankheitsbedingt leider absagen müssen, für ihn sprang Semyon Bychkov ein. Mit dem ehemaligen Chefdirigenten der Sächsischen Staatsoper (1999 bis 2003) hatte man da bereits über Konzerttermine in der Zukunft gesprochen. Die erzwungene Änderung ermöglichte es nun, diesen Termin vorzuverlegen.

In der Regel führen solche Umbesetzungen zu Änderungen im Programm, welches in diesem Fall komplett neu gestaltet wurde. Bedauerlich vor allem, weil die Sinfonie »Los Angeles« des Capell-Compositeurs Arvo Pärt entfallen mußte. Doch der Ersatz war hochwertig: Luciano Berios »Sinfonia« ist zuvor noch nie mit der Staatskapelle erklungen. »Wandel« wurde auch musikalisch wahrnehmbar, nicht nur bei Berio, sondern ebenso bei Peter Tschaikowskys fünfter Sinfonie.

»Sinfonia« meint das gemeinsame Zusammenspiel. Luciano Berio deutet den Begriff sogar noch weiter, hat ein Vocalensemble integriert, das er wie eine Instrumentengruppe (bzw. Instrumentalsolisten) behandelt, läßt elektronische und klassische Instrumente zusammenspielen. Angeregt wurde der Komponist zu seinem Stück durch eine Reihe von Ereignissen, Texten und Personen, deren Impulse sich ebenfalls »zusammenklingend« entwickeln – eine Synthese aus Gedanken und Emotionen.

Wesentlich für die Aufführung sind die Sänger, hier London Voices, die mit Vokalisen, Sprechgesang und Zitaten mitwirken. Dabei ist die Verständlichkeit meistens gar nicht erwünscht, sondern sogar verwischt – das Stück vermittelt sich durch den Klangeindruck und die Szenen. Und diese waren in den fünf Sätzen sehr deutlich ausgeformt, auch dank von London Voices, die das Stück mit sichtlicher Freude gestalteten, aufeinander eingingen, sich dem Publikum zuwandten oder beim Dirigenten bedankten (»Thank you Mr Bychkov«) – manche Passagen der »Sinfonia« sind offen gestaltet, so daß die Akteure zum Beispiel die Texte variieren können.

Beindruckend war auch die instrumentale Umsetzung, die Collage, die sich aus Perkussion, Bläsern, Streichern und Elektronik ergab. Ob Schwebung oder Aufwallung, Spannung oder Auflösung – all dies wirkte höchst lebendig, so daß man nicht nur am zentralen dritten Satz mit seinen vielen Zitaten und einem intensiven Mahler-Bezug seine Freude haben konnte.

Wie anders war die Klangwelt dann nach der Pause, als Peter Tschaikowskys Sinfonie e-Moll melancholisch einsetzte. Doch auch Tschaikowsky »wandelt« beständig. Denn selbst wenn er Satzstrukturen und Sonatenform aufgreift, sind es gerade die Szenenwechsel, die das Werk formen. Wenn sich das Metrum ändert, wechselt auch die Farbe. Die Staatskapelle stattete dieses »Ballett ohne Tänzer« mit feiner Emotion aus, mit einem geschmeidigen, nie zu »dicken« Streicherklang. Und: selbst Pauken können brillant durchs Orchester schimmern. Nur einmal ließ diese Spannung (zumindest am Sonntagmorgen) nach, als sich der Schluß des dritten Satzes nicht aus dem Allegro moderato zu ergeben schien, sondern nachträglich angefügt wirkte.

Auf Arvo Pärt mußten die Besucher des Opernhauses aber nicht ganz verzichten: noch bis zum 11. Juni (verlängert) ist im Vestibul auf der Elbseite eine Ausstellung zu sehen, die den Capell-Compositeur von den Anfängen bis zum Arvo Pärt Centre zeigt.

15. April 2018, Wolfram Quellmalz

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