Unterhaltsam bis albern

Hochschulproduktion von Mozarts »Cosi fan tutte«

Für die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden ist die jährliche Inszenierung der Opernklasse ein besonderer Höhepunkt, bedeutet sie doch, sich in allen Disziplinen des größten Musik- und Theaterformates auszuprobieren. Daher sind die Projekte seit langem Koproduktionen mit dem Staatsschauspiel Dresden (Kleines Haus) und der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Auch andere Institutionen wie die Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig waren in den vergangenen Jahren schon beteiligt. Gemeinsam wurden bedeutende Produktionen aus der Taufe gehoben, wie Gottfried von Einems »Der Besuch der alten Dame« (2005) oder Willfried Krätzschmars »Schlüsseloper« (Uraufführung 2006). In ganz besonderer Erinnerung sind auch Benjamin Brittens »Turn of the Screw« (2010) oder Claudio Monteverdis »L’incoronazione di Poppea« (2008) geblieben.

Immer wieder stand Wolfgang Amadé Mozart auf dem Plan. Nach »La clemenza di Tito« (2004), »Die Zauberflöte« (2009) und »Le nozze di Figaro« (2012) hat Opernklassenleiterin Barbara Beyer in diesem Jahr »Cosi fan tutte« inszeniert, am Sonntag hatte das Stück die erste Premiere (eine zweite gab es, wie in den letzten Jahren immer, mit der zweiten Besetzungen am Folgetag).

DAS STÜCK

Zwei junge Offiziere, Ferrando und Guglielmo, sind sich der Liebe ihrer Bräute, Dorabella und Fiordiligi (sie sind Schwestern), sicher. Sie schwärmen von und prahlen mit der Treue der Damen vor ihrem Freund Don Alfonso – doch der ist welterfahren und skeptisch, an Treue glaubt er nicht. Er setzt beiden zu und stiftet Ferrando und Guglielmo schließlich zu einem Experiment an: sie sollen vorgeben, abberufen zu werden. In ihrer Abwesenheit tauchen dann zwei fremde Männer auf (es sind die verkleideten Ferrando und Guglielmo) und versuchen, die Bräute zu verführen. Damit der Plan gelingt, hat Don Alfredo Despina, das Kammermädchen der Schwestern, eingeweiht, die ihn unterstützt.

Im Garten von Dorabella und Fiordiligi umwerben die »neuen« Männer die Frauen, welche – in Abwesenheit der Verlobten – wankelmütig werden und schließlich ihrem Begehren unterliegen. Despina, die ihr Zofendasein über, aber auch schon einige Lebenserfahrung hat, schürt das Feuer kräftig und heizt den Schwestern zusätzlich ein. Nach einigen Wanken zwischen Standhaftigkeit und Nachgeben werden beide untreu, jedoch nicht mit ihrem eigentlichen Geliebten, sondern dem jeweils anderen – Liebe über Kreuz! Erst als es zu einer Scheinhochzeit kommt, offenbart Don Alfonso sein Spiel, Ferrando und Guglielmo lüpfen ihre Verkleidung…

Bei Mozart (bzw. da Ponte) endet alles (scheinbar) mit einer Versöhnung.

DIE INSZENIERUNG

Angesichts des Alters der Beteiligten macht Barbara Beyer aus »Cosi« ein Pubertätsstück, zumindest ist es so angekündigt. Dabei muß man jedoch beachten, daß der Begriff der Pubertät zwar schon im 17. Jahrhundert geprägt wurde, jedoch nicht dieselbe sozial-kulturelle Wahrnehmung erfuhr wie heute. Vielmehr hat sie damals eine eher untergeordnete Rolle gespielt, man war stärker auf den Beginn des Erwachsenseins fokussiert, auf Nubilität und Adoleszenz. Doch was bringt dieser Wechsel der Blickrichtung?

Nicht viel. Zunächst ein paar witzige Plakate mit kaugummikauenden Dorabellas bzw. Fiordiligis.

Rimma Elbert (Bühne und Kostüme) hat zumindest den Hintergrund für die Pubertät geschaffen: nicht im 18. Jahrhundert, sondern heute spielt das Stück (oder vielleicht in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts), auf dem Deck und Zwischendeck einer Yacht (oder einem wie eine Yacht anmutenden Designerhaus). Man liegt vor Anker, läßt es sich gut gehen, die Sonne scheint. Den Hintergrund macht ein Panoramabild aus: wir sind auf dem Wasser in Ufernähe, Schilf, Sträucher, Bäume, wechselndes Licht. Umbauten und Szenenwechsel werden damit minimiert bzw. allein (mit Ausnahme des Lichts) von den Akteuren bestimmt.

Die sind mit Begeisterung bei der Sache. Vor allem Sol Her (Fiordiligi) gefällt mit besonders in der Höhe leuchtendem Sopran, der im Verlauf aber auch in tieferen Lagen immer mehr Klangvolumen findet. Julia Pietrusewiczs Dorabella steht dem kaum nach (Her »leuchtet« dennoch etwas mehr) und zeigt schon früh die launische Furie, die in Dorabella steckt, während Annina Battaglia Despina als scheinbar nettes Mädchen spielt, dessen »Stacheln« sich erst nach und nach offenbaren – sie heizt gekonnt ein!

So wie die Schwestern sind die Freunde Guglielmo (Damien Gastl) und der etwas hitzigere Ferrando (mit viel Einsatz: Seongsoo Ryu) unzertrennlich. Gastl und Ryu bringen diese Zweisamkeit (die beiden geraten sich natürlich auch einmal ganz schön in die Haare) gehörig zum Funken. Don Alfonso (Artur Garbas) ist dagegen deutlich abgeklärter, schwebt über den Dingen, ohne wirklich emotional zu werden – für Don Alfonso ist es ja ein Spiel! Jedes Mal, wenn Garbas am Rande auftaucht, ahnt man, daß es nichts Gutes gibt, sondern er schürt und manipuliert. Sein Handeln ist viel absichtsvoller und zielgerichteter als das erfreut-boshafte Tun Despinas, die ihren Spaß am Spiel hat. (Einen Chor gibt es nicht, er kommt nur zweimal aus dem Radiorecorder.)

Im Orchestergraben leitete Franz Brochhagen das Hochschulsinfonieorchester und stattet die Szenen klanglich reich aus. »Cosi« gewinnt immer wieder vor allem dann, wenn sich die musikalische Farbpallette weit öffnet, wenn Bläser die Szene beleben oder wenn die Solisten als Quartett, Quintett oder Sextett zusammenfinden.

Und was war nun mit der Pubertät? Sie entlädt sich recht belanglos in allerlei witzigen Handlungen, Gesten und Accessoires. Tiefe hat dies nicht und wirkt in seiner Häufung vor allem albern – mehr ist nicht hinter der Idee? Wenn im zweiten Akt eine Blumenvase einen Strauch im Garten ersetzt, ist die Pointe der Requisite längst nicht mehr frisch. Auch scheint es hier und da an Regie zu fehlen, denn gerade in den Rezitativen des ersten Aktes wirkt die Inszenierung mitunter statisch. Schon die Interviews im Programmheft schienen gewollt aktuell, hatten aber wenig Tiefgang verraten – Oper ist doch mehr als nur die Selbstverwirklichung der Beteiligten, oder? Neben dem Unterhaltungswert sticht somit vor allem die musikalische Qualität heraus.

1. Mai 2018, Wolfram Quellmalz

Wolfgang Amadé Mozart »Cosi fan tutte«, Staatsschauspiel Dresden (Kleines Haus) / Hochschule für Musik, wieder am 9., 13., 28. und 31. Mai sowie am 2. und 5. Juni. Weitere Informationen unter https://www.hfmdd.de/veranstaltungen/326-cosi-fan-tutte/ oder http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/monatsplan/cosi_fan_tutte/475/

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