Bach meets USA

Gäste aus Portland / Oregon in der Dresdner Annenkirche

Vielleicht hatten viele die Ankündigung nicht erreicht oder sie war nicht »greifbar« genug, um zu wissen, was die Besucher erwarten konnten. Die Eintrittspreise auf Konzertniveau haben sicher dazu beigetragen, daß das Publikumsinteresse am Sonntag überschaubar blieb. Möglicherweise hätte man mehr den Projektcharakter betonen und statt des Eintritts freiwillige Spenden verlangen sollen? Denn als Projekt und aus Sicht der Gäste betrachtet war es sicher etwas Besonderes, für Besucher dennoch »nur« ein amerikanischer Laienchor, der gerne Bachkantaten singt.

Seit 2005 existiert der Bach Cantata Choir um den künstlerischen Leiter Ralph Nelson. Ähnlich wie man es von solchen Chören hierzulande kennt, trifft er sich regelmäßig zu Proben, hat vier Konzerte pro Spielzeit sowie ein Weihnachtskonzert. Nicht nur dann stehen die Werke Johann Sebastian Bachs im Mittelpunkt. Neben den Laien, die das Singen mit Ambition, aber als Hobby verfolgen, unterstützen professionelle Sänger den Chor als Stimmführer oder Solisten.

In diesem Jahr nun war er eine ganze Woche lang in Mitteldeutschland unterwegs, von Eisenach über Erfurt, Weimar und Leipzig bis nach Dresden, in Städten also, die für Bach eine große Bedeutung hatten. Teilweise trat der Bach Cantata Choir in den Kirchen auf, wo Bach gewirkt hatte. Das sei eine große Ehre und Freude gewesen und habe alle im Chor enorm bereichert, so Ralph Nelson am Sonntag. Darüber hinaus habe man nicht einfach nur »Land und Leute« besser kennengelernt, sondern sich dezidiert mit der mitteldeutschen Geschichte und Musik auseinandergesetzt. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt Partner, die man hier gefunden hatte. So erfuhr das Projekt für den Auftritt in der Annenkirche Unterstützung vom vocalis ensemble dresden (Dirigentin: Martina Stoye) und der Sinfonietta Dresden. Allein diese Partnerschaften und Erfahrungen waren ein Erfolg des Projektes.

Das vocalis ensemble hatte sich auf die Besucher und das offene Programm eingestellt und offerierte zu Beginn eine Palette der Chormusik, die von Heinrich Schütz‘ »Jauchzet dem Herrn« über Hugo Distlers (auf dessen 110. Geburtstag das Konzert fiel) »Singet dem Herrn« bis zu zeitgenössischen Kompositionen von Józef Šwider, Vytautas Miškinis und Ola Gjeilo reichte. Betörend war die Stimmreinheit dieses auf hohem Niveau singenden Ensembles, dessen Mitglieder eine explizite Sängerausbildung genossen und umfangreiche Erfahrungen gesammelt haben.

Mit wieviel Ambition und auch Freude der Bach Cantata Choir sein Ziel verfolgt, war im Anschluß zu spüren, als Johann Sebastian Bachs Kantate »Christ lag in Todesbanden« (BWV 4) erklang. Das eigentlich dem Osterfest zugedachte Werk wurde von den Musikern der Sinfonietta sowie der kleinen Chororgel der Annenkirche begleitet. Die Stimmbesetzung war dabei entsprechend den Voraussetzungen von Chor bzw. Solisten leicht angepaßt, woran sich Puristen »stoßen« mögen – für das Projekt und den Chor war es naheliegend und entsprach letztlich im pragmatischen Sinne dem Vorgehen der damaligen und heutigen Kirchenmusik. (Für ein eintrittspflichtiges Konzert war es jedoch doch etwas wenig.)

Daß die Sänger neben der Freude auch eine ungeheure Vitalität zu entfesseln vermögen, zeigte sich danach in den Werken, die dem Chor wohl näher liegen: Morten Lauridsen, auf den sie besonders stolz sind, weil er in Oregon aufgewachsen ist, dessen »O nata lux« erklang sowie das Traditionel »Didn’t it Rain«, zu dem das Publikum die entsprechenden Regengeräusche beitragen durfte. Hier beeindruckte neben dem Chor ganz besonders Solist Grant Edwards – das wohl vermittelndste Stück des Abends.

Schließlich fanden beide Partner des gemeinschaftlichen Projektes im Schlußteil mit »Komm, süßer Tod« (Bach / BWV 478), einem weiteren Traditional sowie dem »Dona nobis pacem« aus der h-Moll-Messe BWV 232 zusammen.

25. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

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